Entwicklung der Indikationsgruppe

Die Indikationsgruppe der Antianämika gliedert sich in das Teil-Indikationsgebiet der „Mittel gegen alimentäre Anämien“ und das Teil-Indikationsgebiet „Erythropoetine“. Die Mittel gegen alimentäre Anämien werden vor allem bei Mangelzuständen von Eisen, Folsäure oder Vitamin B12 eingesetzt, während die Erythropoetine überwiegend bei Patienten mit Nierenversagen – vor allem Dialysepatienten – sowie bei Krebspatienten eingesetzt werden.

Mittel gegen alimentäre Anämien

Nachdem Mitte des 15. Jahrhunderts Eisen erstmals zur Behandlung von Blutungen eingesetzt wurde, entdeckte Sydenham im Jahr 1832 das Krankheitsbild der Anämie, das er erfolgreich mit Eisen behandelte. Erst in den 1930er und 1940er Jahren wurde die Bedeutung von Eisen für den Körper intensiv untersucht und wichtige Funktionen wie die Beteiligung an Transport und Speicherung von Sauerstoff als Bestandteil des Hämoglobins wurden aufgeklärt. Ab 1950 untersuchte man den Mechanismus der Eisenaufnahme und entwickelte gezielt eisenhaltige Präparate.

Die Aufklärung der Bedeutung von Vitamin B12 (auch Cyanocobalamin genannt) und Folsäure für die Blutbildung nahm etwa 20 Jahre in Anspruch. Am Anfang stand 1925 die Entdeckung von Whipple, dass durch den Verzehr von Leber die Symptome einer perniziösen Anämie gebessert werden. Etwa 20 Jahre später gelang es, das Vitamin B12 aus Leberextrakten zu isolieren. Folsäure wurde 1941 erstmals aus Blattgemüse isoliert.

Erythropoetine

Bereits 1906 wurde die Beteiligung eines humoralen Faktors an der Blutbildung vermutet, der später als Erythropoetin bezeichnet wurde: In den 1950er Jahren wurde das Hormon entdeckt, das von der Niere produziert wird und die Bildung und Reifung roter Blutkörperchen anregt. Erythropoetin wurde 1977 aus der Niere isoliert und lieferte die Grundlage für moderne Behandlungskonzepte der Anämie bei Dialyse- und Krebspatienten. Seit 1985 steht gentechnisch hergestelltes Erythropoetin prinzipiell zur Verfügung. Das gentechnische Verfahren ermöglicht die Herstellung des Hormons in Mengen, die für therapeutische Zwecke ausreichen. Im Jahr 1988 wurde gentechnisch hergestelltes Epoetin alfa in Deutschland eingeführt. Ihm folgte im Jahr 1990 Epoetin beta und im Jahr 2001 das Derivat Darbepoetin alfa, das in Abständen von ein bis drei Wochen gegeben wird, während Epoetin alfa und beta ein- bis dreimal wöchentlich verabreicht werden. Bei dem seit 2007 zur Verfügung stehenden Methoxy-Polyethylenglycol-Epoetin beta handelt es sich um ein modifiziertes Epoetin beta, das alle zwei Wochen einmal gespritzt wird. Das ebenfalls seit 2007 zur Verfügung stehende Epoetin delta musste zwei- bis dreimal wöchentlich verabreicht werden; der Hersteller verzichtete Anfang 2009 aus wirtschaftlichen Gründen auf die weitere Zulassung (EMA 2009, Ratner 2008). Es war damals das einzige Erythropoetin, das mit Hilfe einer menschlichen Zelllinie produziert wurde. Erythropoetin-Biosimilars wurden erstmals 2007 eingeführt, auch im Jahr 2009 kamen neue Biosimilars auf den Markt.