Entwicklung der Indikationsgruppe

Ein hormonabhängiges Wachstum findet sich vor allem bei drei Krebserkrankungen: dem Mamma- und dem Endometriumkarzinom bei Frauen und dem Prostatakarzinom bei Männern. Wirkstoffe zur Behandlung dieser Erkrankungen stellen daher auch die Teil-Indikationsgruppen unter den zytostatischen Hormonen dar. Einer der ersten Hinweise auf den Zusammenhang von Hormonen und Krebswachstum wurde im Jahr 1893 von Beatson beschrieben, der nach einer Ovarektomie eine Regression bei Brustkrebs beobachtete. Beatson war es auch, der 1896 feststellte, dass eine Kastration bei Männern zum Rückgang einer bestehenden Prostatahypertrophie führt.

Mittel zur Behandlung des Brustkrebses

In der endokrinen Therapie des Brustkrebses werden die Therapieansätze der Antiöstrogene und Aromatasehemmer unterschieden. Tamoxifen wurde 1962 als Antiöstrogen entwickelt und 1976 in Deutschland zugelassen. Heute wird Tamoxifen zu den sogenannten SERM (selektive Östrogenrezeptor-Modulatoren) gezählt, zu denen auch Raloxifen und Toremifen gehören. SERM hemmen nicht generell die Wirkung von Östrogen an Öst-rogenrezeptoren, sondern wirken abhängig vom Gewebe agonistisch, antagonistisch oder zeigen gar keine Aktivität. Ein wirkliches Antiöstrogen ist das 2004 eingeführte Fulvestrant.
Eine antiöstrogene Wirkung kann auch durch Hemmung der Biosynthese von Östrogen erreicht werden. Dazu werden Enzyminhibitoren, die Aromatasehemmer, eingesetzt. Aminoglutethimid ist ein solcher Aromatasehemmer, der 1960 ursprünglich als Antiepileptikum eingeführt wurde. Neuere Aromatasehemmer (Aromatasehemmer der dritten Generation) sind potenter und wirken spezifischer als das Aminoglutethimid. Dazu gehören das 1996 eingeführte Anastrozol sowie Letrozol (1997) und Exemestan (2000).
Mittel aus dem Therapieansatz der Gestagene kommen bei der Behandlung des Endometriumkarzinoms zum Einsatz, spielen jedoch in Bezug auf die verbrauchten Mengen praktisch keine Rolle.

Mittel zur Behandlung des Prostatakrebses

Zur endokrinen Therapie des Prostatakrebses werden Östrogene heute kaum noch eingesetzt. Zu einer „chemischen Kastration“ führen die Therapieansätze der Gonadotropin-Releasing-Hormon-Analoga (GnRH-Analoga) und der Antiandrogene. Als erstes GnRH-Analogon wurde 1984 das Buserelin eingeführt, gefolgt von Leuprorelin (1984), Triptorelin (1986) und Goserelin (1988). Buserelin und Goserelin werden auch bei Frauen mit Brustkrebs eingesetzt. 2 Die GnRH-Analoga führen durch Beeinflussung hormonaler Regelkreise zu einer verminderten Ausschüttung von Testosteron. Zu Beginn der Therapie kommt es jedoch zu einem Anstieg des Testosterons, so dass in der Regel zumindest vorübergehend eine Kombination mit Antiandrogenen durchgeführt wird. Diese wurden parallel zu den GnRH-Analoga mit den Wirkstoffen Flutamid und Bicalutamid in den Jahren 1984 bzw. 1996 eingeführt. Die Antiandrogene blockieren den Testosteronrezeptor und unterbinden so die Wirkung von Testosteron. Die 2008 durch den Wirkstoff Abarelix neu begründete Gruppe der GnRH-Antagonisten führen nicht zu einer initialen Erhöhung der Testosteronausschüttung. Als weiterer Wirkstoff dieser Gruppe wurde 2009 das Degarelix eingeführt.

2 Die GnRH-Analoga Leuprorelin und Goserelin werden darüber hinaus bei Endometriose und Myomen (Uterus myomatosus) verwendet. Die Präparate, die zur Behandlung des Brustkrebses zugelassen sind, gehören in der ATC-Klassifikation sowohl zur Indikationsgruppe „L02 Zytostatische Hormone“ als auch zur Indikationsgruppe „H01 Hypophysen- und Hypothalamushormone und Analoga“, die in diesem Kapitel nicht besprochen wird. Präparate, die zur Behandlung der Endometriose und bei Myomen zugelassen sind, finden sich nur in der Indikationsgruppe „H01 Hypophysen- und Hypothalamushormone und Analoga“. Da die Präparate sich allein durch den Namen, nicht aber in der Dosierung unterscheiden, kann nicht ausgeschlossen werden, dass Präparate der Indikationsgruppe „L02 Zytostatische Hormone“ auch bei Endome¬triose und Uterus myomatosus Verwendung finden.