Entwicklung der Indikationsgruppe

Die Psycholeptika umfassen Wirkstoffgruppen, die überwiegend hemmend auf bestimmte Abläufe im zentralen Nervensystem wirken. Die Indikationsgruppe umfasst die Teil-Indikationsgruppen der Neuroleptika und Antipsychotika sowie die Teil-Indikationsgruppe der Anxiolytika und Sedativa.

Neuroleptika und Antipsychotika

Neuroleptika und Antipsychotika werden zur Behandlung der Schizophrenie sowie anderer wahnhafter Störungen eingesetzt. Einige der Wirkstoffe finden auch Anwendung bei Unruhe- und Verwirrtheitszuständen. In den 1950er Jahren wurden erstmals Psychosen mit dem Wirkstoff Chlorpromazin behandelt. Ausgehend von diesem Wirkstoff wurden weitere Phenothiazin-Derivate synthetisiert. 1958 wurde mit der Synthese von Haloperidol die Wirkstoffklasse der Butyrophenone begründet. Haloperidol gehört noch immer zu den wichtigsten Neuroleptika.

Heute werden typische und atypische Neuroleptika unterschieden, wobei die typischen Neuroleptika außerdem nach ihrer antipsychotischen Potenz (niedrig, mittel, hoch) differenziert werden. Kennzeichnend für die typischen Neuroleptika ist die Nebenwirkung der extrapyramidal-motorischen Störungen, die sich – für den Patienten unkontrollierbar – in teilweise bizarren Bewegungsabläufen äußern. Sie treten dosisabhängig auf und können irreversibel sein. Lange Zeit nahm man an, dass diese extrapyramidal-motorischen Störungen untrennbar mit der antipsychotischen Wirkung der Neuroleptika verbunden seien. In den 1970er Jahren wurde jedoch mit Clozapin ein antipsychotischer Wirkstoff gefunden, der aber wesentlich geringere extrapyramidal-motorische Störungen hervorruft. Wegen dieser für Neuroleptika untypischen Eigenschaft wurde Clozapin als „atypisches Neuroleptikum“ bezeichnet. Ab 1990 kamen ausschließlich atypische Neuroleptika auf den deutschen Markt: Zotepin (1990), Risperidon (1994), Olanzapin (1996), Amisulprid (1999), Quetiapin (2000), Ziprasidon (2002), Aripiprazol (2004), Paliperidon (2007) und Asenapin (2010). Bei diesen Wirkstoffen ist das Risiko extrapyramidal-motorischer Störungen im Vergleich zu stark wirksamen typischen Neuroleptika wie Haloperidol geringer (NN 2009) und am geringsten bei Clozapin. Bei diesem Wirkstoff besteht jedoch die Gefahr, dass er – selten – zu einer Agranulozytose führen kann, was die Anwendung auf therapieresistente Fälle beschränkt.

Als eigener Therapieansatz muss das Tiaprid angesehen werden, das zur Behandlung Neuroleptika-induzierter Bewegungsstörungen sowie bei Chorea Huntington eingesetzt wird. Es ist strukturell mit Sulpirid verwandt, das als Neuroleptikum oder Antidepressivum zum Einsatz kommt.

Lithium wurde in der Psychiatrie erstmals 1949 zur Behandlung von Manien eingeführt. Der Wirkstoff wird außerdem als sogenanntes Phasenpro-phylaktikum bei bipolaren Störungen verwendet, d.h. zur Prophylaxe der depressiven und manischen Episoden bei dieser Erkrankung.

Anxiolytika und Sedativa

Zu dieser Teil-Indikationsgruppe gehören angstlösende (Anxiolytika) sowie beruhigende und schlafanstoßende Mittel (Sedativa). Die wichtigsten Therapieansätze sind die Benzodiazepine und die mit ihnen verwandten Mittel.

Die Entwicklung der Benzodiazepine basiert auf den Forschungsarbeiten, die Leo Henryk Sternbach in den 1950er Jahren in den Laboratorien der Firma Hoffmann-La Roche begann. Als erster Wirkstoff wurde 1960 Chlordiazepoxid auf den Markt gebracht. Diazepam ist sicher der bekannteste Vertreter der Benzodiazepine. Es wurde 1959 erstmals synthetisiert und kam 1963 auf den Markt. Besonders in den 1970er und 1980er Jahren wurden zahlreiche weitere Benzodiazepine eingeführt; an dieser Stelle sei nur eine Auswahl genannt: Flunitrazepam (1975), Triazolam (1979), Lormetazepam (1980), Oxazolam (1982), Alprazolam (1984) und Midazolam (1984). Benzodiazepine wirken anxiolytisch, sedierend, muskelrelaxierend und antikonvulsiv und werden dementsprechend eingesetzt. Ihr Vorteil gegenüber den Barbituraten ist ihre große therapeutische Breite, d.h. sie führen bei hoher Überdosierung zwar zu einer ausgeprägten Sedierung, tödliche Ausgänge sind aber selten. Benzodiazepine können bei regelmäßiger Anwendung zur Abhängigkeit führen.

Die Benzodiazepin-verwandten Mittel haben einen den Benzodiazepinen ähnlichen, aber nicht identischen Wirkmechanismus. Das Abhängigkeitspotenzial scheint in dieser Wirkstoffgruppe geringer zu sein als bei den Benzodiazepinen. Als erste Vertreter der Gruppe wurden 1991 Zopiclon und Zolpidem in Deutschland eingeführt, 1999 folgte Zaleplon.

Als weiterer Therapieansatz sind „andere Sedativa“ zu nennen. Hierzu gehören beispielsweise die Wirkstoffe Meprobamat und Chloralhydrat. Aus dem Therapieansatz „andere Anxiolytika“ ist der 1985 eingeführte Wirkstoff Buspiron zu nennen, der an bestimmten Serotoninrezeptoren (5HT1) angreift und anxiolytisch, aber nicht sedierend wirkt.

Im Jahr 2008 wurde mit der Einführung von Melatonin zur Therapie von Schlafstörungen bei älteren Menschen der neue Therapieansatz der Melatonin-Rezeptoragonisten geschaffen.

Unter den pflanzlichen Mitteln stellen baldrianhaltige Mittel die wichtigste Gruppe dar.