Entwicklung der Indikationsgruppe

Bei den Antihämorrhagika handelt es sich um eine heterogene Gruppe von Mitteln zur Behandlung bzw. Vorbeugung von Störungen des Gerinnungssystems, die in der Regel mit Blutungen (Hämorrhagien) oder einer vermehrten Blutungsneigung einhergehen. Diesen Störungen können die unterschiedlichsten Ursachen zugrunde liegen. Von größter Bedeutung ist die Behandlung vor allem der angeborenen Störungen des Gerinnungssystems, die auch als Hämophilie bezeichnet werden: Bei diesen Störungen müssen bestimmte Gerinnungsfaktoren substituiert werden, um die Blutgerinnung zu normalisieren. Darüber hinaus werden bei den Antihämorrhagika weitere Teil-Indikationsgruppen unterschieden, die im Folgenden dargestellt werden.

Teil-Indikationsgruppe der Mittel bei Hämophilie

Die allererste Beschreibung einer adäquaten Therapie in Form einer Bluttransfusion bei einem Jungen mit Hämophilie stammt aus dem Jahr 1840. Hinweise auf Anerkennung dieser Therapie finden sich etwa 1926. Später lernte man, dass zur Behandlung der Hämophilie die Gabe bestimmter Blutprodukte erforderlich ist (Ingram 1976). Nachdem Cohn in den 1940er Jahren eine Methode zur Fraktionierung von Blutplasma entwickelt hatte, kam man diesem Ziel ein Stück näher. Einen Durchbruch stellte die 1964 von Pool beschriebene Kryopräzipitation dar: Damit stand ein Produkt zur Verfügung, das die Patienten zu Hause lagern und sich bei Bedarf selbst applizieren konnten (Ingram 1976, Giangrande 2000, Liras 2008). Allerdings erhöhte das erforderliche Poolen von Blutspenden das Risiko von Virusinfektionen beispielsweise mit dem HI-Virus oder dem Hepatitis-C-Virus. Abhilfe schafften hier die rekombinant hergestellten Faktoren, die seit den 1990er Jahren eingesetzt werden können (Giangrande 2000, Liras 2008): 1 So steht seit 1993 mit Octocog alfa ein rekombinanter Faktor VIII zur Anwendung bei Hämophilie A (Faktor VIII-Mangel) zur Verfügung, seit 1996 mit Eptacog alfa ein rekombinanter Faktor VII, der u.a. bei Hemmkörperhämophilie eingesetzt wird, d.h. bei Bildung von Antikörpern z.B. nach wiederholter Gabe von Faktor VIII-Präparaten. Im Jahr 1999 kamen mit Octacog alfa (Faktor IX) und Moroctocog alfa (Faktor VIII) zwei weitere rekombinante Gerinnungsfaktoren auf den Markt.

Teil-Indikationsgruppe der Mittel bei unspezifischen Gerinnungsstörungen

Von größter Bedeutung für die ambulante Versorgung ist innerhalb dieser Teil-Indikationsgruppe der Therapieansatz Vitamin K. Dieses Vitamin ist ein essenzieller Kofaktor für die Synthese bestimmter Gerinnungsfaktoren. Zu Gerinnungsstörungen, die durch einen Vitamin-K-Mangel bedingt sind, kommt es vor allem bei Überdosierung von Vitamin-K-Antagonisten. Vitamin K wird außerdem prophylaktisch bei Neugeborenen verabreicht. Zu nennen ist außerdem der Therapieansatz der Aminosäuren mit Tranexamsäure und Aminomethylbenzoesäure, die bei Hyperfibrinolyse eingesetzt werden, d.h. bei einem überschießenden Abbau des Gerinnungsfaktors Fibrin. Zu der Teil-Indikationsgruppe gehören außerdem verschiedene Mittel, die lokal zur Blutstillung eingesetzt werden (Hämostatika), wie beispielsweise Kollagen.

Teil-Indikationsgruppe der Mittel bei idiopathischer thrombozytopenischer Purpura

Diese Teil-Indikationsgruppe umfasst zwei Wirkstoffe, die bei der thrombozytopenischen Purpura (Morbus Werlhof) eingesetzt werden. Bei dieser Autoimmunerkrankung werden Thrombozyten in der Milz zerstört, wodurch es zu einer vermehrten Blutungsneigung kommt. Ein auffälliges Symptom sind fleckförmige Einblutungen in die Haut. Mit Romiplostim (2009) und Eltrombopag (2010) wurden zwei Wirkstoffe zur Anwendung bei dieser Störung eingeführt. Als Thrombopoietin-Rezeptor-Agonisten führen beide zu einer vermehrten Thrombozytenbildung.

Weitere Teil-Indikationsgruppen

Zur Teil-Indikationsgruppe der Mittel bei Alfa1-Antitrypsinmangel gehört das Alfa1-Antitrypsin zur Substitution bei dieser Störung. Die Teil-Indikationsgruppe der Mittel bei hereditärem Angioödem umfasst den re-kombinanten Wirkstoff Conestat alfa, der 2010 eingeführt wurde. Damit kann der Mangel des sogenannten C1-Inhibitors behoben werden, der bei dieser Störung besteht.

1 Auch zur Erhöhung der Sicherheit von Spenderprodukten wurden Maßnahmen getroffen. Zur Übertragung von Virusinfektionen durch Blutprodukte kam es daher in der Vergangenheit nur noch in Einzelfällen (Funk et al. o.J.).