Versorgungssituation mit Diabetesmitteln A10 Antidiabetika

Veröffentlicht am: 09.09.17

Quelle: IGES-Berechnungen nach AVR (1996 bis 2002) und NVI (Insight Health); ab 2003; AVR: Arzneiverordnungs-Report

Nach den Ergebnissen der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS1, 2008–2011) beträgt die Prävalenz des bekannten Diabetes 7,2 % (Frauen: 7,4 %; Männer: 7,0 %) bei Erwachsenen im Alter von 18 bis 79 Jahren (Heidemann 2013). In der auf Telefonauskünften basierenden GEDA (Gesundheit in Deutschland aktuell)-Studie aus dem Jahr 2012 berichteten 8,9 % der Erwachsenen (Frauen: 9,0 %; Männer: 8,7 %), jemals die Diagnose Diabetes erhalten zu haben (RKI 2014). Die Abweichungen in der Prävalenz zwischen den beiden Studien werden überwiegend auf unterschiedliche Altersstrukturen zurückgeführt, da in der GEDA-Studie auch Personen befragt wurden, die 80 Jahre und älter waren. Es wird geschätzt, dass weitere 20 % der Erwachsenen einen bisher nicht diagnostizierten Diabetes aufweisen, basierend auf der Auswertung von Messwerten des Glykohämoglobins (HbA1c) und des Blutzuckers (Heidemann 2016).

Der Kinder- und Jugend-Gesundheitssurvey des RKI (KiGGS), bei dem in der Welle 1 zwischen 2009 und 2012 Kinder und Jugendliche befragt wurden, ergab, dass bei 0,2 % aller 0- bis 17-Jährigen jemals ein Diabetes diagnostiziert wurde. Dabei traten weder signifikante Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen noch zwischen den verschiedenen Altersgruppen auf (Neuhauser et al. 2014).

Basierend auf den aktuellen Prävalenzen aus DEGS1 und KiGGS ist im Jahr 2015 mit insgesamt 5,1 Mio. Diabetikern in der GKV-Bevölkerung zu rechnen (bekannter Diabetes). Der Anteil der Patienten mit Typ-1-Diabetes ist nicht genau bekannt. Mit der in der DEGS1 angewandten Methode wurde die Gesamtprävalenz des Typ-1-Diabetes mit rund 0,1 % bestimmt, was ungefähr 1 % der Diabetiker entspricht. Diese Prävalenz ist ausgesprochen niedrig. In der entsprechenden Publikation zur DEGS1 werden andere Studien genannt, in denen der Anteil der Typ-1-Diabetiker zwischen 3 und 6 % beträgt (Heidemann 2013). Eine andere Publikation beziffert den Anteil von Patienten mit Typ-2-Diabetes mit 95 % (Jacobs et al. 2017). Legt man einen Anteil von 5 % Typ-1-Diabetikern zugrunde, so ergeben sich für die GKV ca. 4,8 Mio. Typ-2- und ca. 0,25 Mio. Typ-1-Diabetiker.

Für Typ-1-Diabetiker ist in jedem Fall von einem Behandlungsbedarf auszugehen. Für Typ-2-Diabetiker wurde mithilfe der Daten von Turner et al. (1999) ein leitliniengemäßer Behandlungsbedarf in Höhe von 85 % modelliert. In der GKV muss also mit insgesamt rund 4,4 Mio. Diabetikern gerechnet werden, die eine Behandlung mit Antidiabetika benötigen.

Es wurde davon ausgegangen, dass alle 0,25 Mio. Typ-1-Diabetiker mit Insulin behandelt werden. Eine eigene Modellierung ergab, dass darüber hinaus 32 % aller Typ-2-Diabetiker mit Insulin behandelt werden (Mono- oder Kombinationstherapie). Insgesamt muss auf Basis dieser Modellierung also fast 1,8 Mio. Diabetikern täglich mindestens 1 DDD eines Insulins zur Verfügung stehen. Weiterhin ist bei 69 % aller Typ-2-Diabetiker von einem Behandlungsbedarf mit anderen Antidiabetika auszugehen (Mono- oder Kombinationstherapie). Als benötigte Menge wurden täglich 1,25 DDD vorausgesetzt, denn viele Patienten erhalten mehr als ein anderes Antidiabetikum, wenn auch der Anteil an Fixkombinationen (für diese ist von einem Bedarf von 1 DDD täglich auszugehen) stetig zunimmt. Die insgesamt verordnete Menge von Antidiabetika hätte 2016 für 5,15 Mio. Patienten ausgereicht. Die unter den genannten Annahmen berechnete Zahl behandelbarer Patienten liegt deutlich über dem angenommenen Bedarf.

Die geschätzte Prävalenz bekannter Diabetiker beruht auf aktuellen Erhebungen des RKI und unterschätzt die tatsächliche Prävalenz vermutlich kaum. Allerdings stellen die Annahmen zum Bedarf der täglichen DDD-Mengen nur eine Näherung dar: Bricht man die Betrachtung auf die Teil-Indikationsgruppen herunter, dann hätte die Menge der verordneten Insuline von 864 Mio. DDD für 2,37 Mio. Patienten gereicht, es wurde allerdings nur ein Bedarf für 1,8 Mio. Patienten berechnet. Eine DDD Insulin entspricht 40 I.E. Der tägliche Bedarf an Insulin liegt üblicherweise zwischen 0,5 und 1 I.E. pro kg Körpergewicht bei Typ-1-Diabetikern und zwischen 0,3 und 1 I.E. pro kg Körpergewicht bei Typ-2-Diabetikern. Bei einem Körpergewicht von 70 kg entspricht dies 35 und 70 bzw. 12 und 70 I.E. (Häussler et al. 2010). Es ist anzunehmen, dass die getroffenen Annahmen zum täglichen Insulinbedarf zu niedrig sind und im Durchschnitt mehr als 40 I.E. Insulin benötigt werden.

Die rund 1319 Mio. DDD der anderen Antidiabetika, die 2016 verordnet wurden, hätten unter den getroffenen Annahmen zur Behandlung von 2,9 Mio. Patienten gereicht, was sogar deutlich unter dem hier geschätzten Bedarf von 3,3 Mio. Patienten liegt.

Literatur zur Versorgung mit Diabetesmitteln

  • Häussler B, Klein S, Hagenmeyer E-G. Weißbuch Diabetes in Deutschland. Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektiven. Stuttgart, New York: Thieme 2010
  • Heidemann C, Du Y, Schubert I, Rathmann W, Scheidt-Nave C. Prävalenz und zeitliche Entwicklung des bekannten Diabetes mellitus. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2013;56:668–677
  • Heidemann C, Du Y, Paprott R, Haftenberger M, Rathmann W, Scheidt-Nave C. Temporal changes in the prevalence of diagnosed diabetes, undiagnosed diabetes and prediabetes: findings from the German Health Interview and Examination Surveys in 1997–1999 and 2008–2011. Diabet Med 2016;33(10):1406–1414
  • Neuhauser H, Poethko-Müller C, KiGGS Study Group. Chronische Erkrankungen und impfpräventable Infektionserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bundesgesundheitsbl 2014;57:779–788
  • Jacobs E, Tamayo T, Rathmann W. Epidemiologie des Diabetes in Deutschland. In: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE (Hrsg.) Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2017. 2016, https://www.diabetesde.org/pressemitteilung/deutscher-gesundheitsbericht-diabetes-2017-erschienen (05.09.2017)
  • Robert Koch-Institut (RKI). Diabetes mellitus. Faktenblatt zu GEDA 2012: Ergebnisse der Studie »Gesundheit in Deutschland aktuell 2012«. 2014, https://www.geda-studie.de/deutsch/ergebnisse/geda-2012.html (05.09.2017)