Versorgungssituation mit Thrombosemitteln B01 Antithrombotische Mittel

Veröffentlicht am: 09.09.17

Quelle: IGES-Berechnungen nach NVI (Insight Health)

Als häufigste Indikation für den ambulanten Einsatz von Wirkstoffen der Indikationsgruppe B01 müssen die Prophylaxe thromboembolischer Ereignisse bei Herzkreislauf-Erkrankungen angesehen werden. Hierzu gehören in erster Linie die Prophylaxe des erneuten Auftretens eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls (Sekundärprophylaxe) bzw. die Prophylaxe von Herzinfarkt und Schlaganfall bei Vorläuferstadien der Erkrankung (v. a. ischämische Herzerkrankung) oder bei Vorliegen bestimmter Risikofaktoren (z. B. Vorhofflimmern).

In der Altersgruppe der 18-Jährigen und Älteren ist nach dem telefonischen Gesundheitssurvey „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA) für die ischämische Herzerkrankung bei Frauen von einer Lebenszeitprävalenz von 6,8 % und bei Männern von 9,8 % auszugehen (RKI 2014). Die Häufigkeit nimmt mit dem Alter deutlich zu, wobei insgesamt Männer häufiger betroffen sind. Entsprechend der bei GEDA aufgeführten Prävalenz in den Altersgruppen ist mit ca. 5,1 Mio. Patienten in der GKV zu rechnen. Aus den Ergebnissen der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) ergibt sich eine Lebenszeitprävalenz für eine ischämische Herzerkrankung von 6,4 % bei Frauen und von 12,3 % bei Männern, wobei sich die Daten auf Erwachsene zwischen 40 und 79 Jahren beziehen und Jüngere, bei denen eine geringe Prävalenz angenommen werden darf, nicht berücksichtigt wurden (Gößwald et al. 2013). Diesen Ergebnissen, stratifiziert nach Altersgruppen, zufolge wäre mit ca. 3,5 Mio. Patienten in der GKV zu rechnen. Die Ergebnisse der beiden Umfragen sind aus methodischen Gründen nicht direkt miteinander vergleichbar.

Nach den aktuellen Ergebnissen der regionalen Gutenberg Health Study liegt die Prävalenz von Vorhofflimmern bei Erwachsenen in Deutschland zwischen 35 und 74 Jahren bei 3,1 %, wobei mit steigendem Alter die Häufigkeit von Vorhofflimmern zunimmt (Schnabel et al. 2015). Übertragen auf die deutsche GKV-Bevölkerung ist nach den Daten von Schnabel et al. (2012) mit etwa 1,6 Mio. Versicherten mit Vorhofflimmern zu rechnen. Basierend auf den Prävalenzangaben von Wilke et al. (2013) ist für 2015 von gut 1,7 Mio. GKV-Versicherten auszugehen. Zudem ist eine hohe Zahl von Versicherten anzunehmen, bei denen Vorhofflimmern nicht diagnostiziert ist, da die asymptomatische und paroxysmale (vorübergehende) Form zu einem hohen Prozentsatz nicht entdeckt wird (Steinbeck und Wichmann 2009). Hieraus lässt sich aber lediglich eine generelle Unterdeckung des Bedarfs annehmen. 17 % der Patienten mit Vorhofflimmern haben gleichzeitig eine koronare Herzkrankheit (KHK) (Fuster et al. 2006) und werden daher schon in den Analysen zum Behandlungsbedarf für Patienten mit ischämischer Herzkrankheit erfasst. Bei den Patienten mit Vorhofflimmern wird das mögliche Risiko für einen Schlaganfall mithilfe des CHA2DS2-VASc-Scores, der verschiedene Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht und Begleiterkrankungen berücksichtigt, abgeschätzt. Der durch den Score ermittelte Punktwert gilt als Entscheidungshilfe dafür, eine Therapie mit Antikoagulanzien zu initiieren. Bei 68–77 % der Patienten wird ein Wert von mindestens 2 Punkten erreicht und eine Behandlung mit Antikoagulanzien aus der Indikationsgruppe B01 ist indiziert (Gerth et al. 2011, Schnabel et al. 2015). Dies entspricht in der GKV ungefähr 0,9–1,1 Mio. Patienten mit Behandlungsbedarf.

Der Ermittlung des Behandlungsbedarfs in der GKV lag die Annahme zugrunde, dass bei ischämischer Herzkrankheit von einem kontinuierlichen Bedarf von täglich 1 DDD für ca. 3,5–5,1 Mio. Patienten auszugehen ist. Bei 0,9–1,1 Mio. liegt eine Indikation zur Prophylaxe eines Schlaganfalls bei Vorhofflimmern vor. Somit besteht insgesamt ambulant bei mindestens 4,4 Mio. Patienten der GKV ein Behandlungsbedarf mit Arzneimitteln aus der Indikationsgruppe der antithrombotischen Mittel. Berücksichtigt wurde für die Schätzung der behandelbaren Patienten die Teil-Indikationsgruppe der Mittel bei erhöhter Thrombozytenaggregationshemmung ohne die Heparingruppe. Der geschätzte minimale Bedarf wurde durch die Menge der verordneten und erstatteten DDD rein rechnerisch 2016 nicht ganz gedeckt; mit den abgegebenen Mengen wären rund 4,25 Mio. Patienten behandelbar gewesen. Allerdings ist die Zahl der behandelbaren Patienten seit 2012 erheblich angestiegen, was hauptsächlich durch den stark gestiegenen Verbrauch von neuen oralen Antikoagulanzien (NOAKs) bedingt ist und bedeutet, dass sehr viel mehr Patienten mit Vorhofflimmern behandelbar waren. Zudem ist davon auszugehen, dass ein relevanter Teil des Verbrauchs von Acetylsalicylsäure (ASS) nicht erfasst wird, weil die Kosten von den Patienten selbst getragen werden.

Literatur zur Versorgungssituation bei Thrombosemitteln

  • Fuster V, Rydén LE, Cannom DS et al.; European Heart Rhythm Association, Heart Rhythm Society. ACC/AHA/ESC 2006 guidelines for the management of patients with atrial fibrillation – executive summary: a report of the American College of Cardiology/American Heart Association Task Force on Practice Guidelines and the European Society of Cardiology Committee for Practice Guidelines (Writing Committee to Revise the 2001 Guidelines for the Management of Patients with Atrial Fibrillation). J Am Coll Cardiol 2006;48(4):854–906
  • Gerth A, Nabauer M, Limbourg T, Oeff M, Sprenger C, Ravens U, Meinertz T, Breithardt G, Steinbeck G. Risk factors for thromboembolic events and impact of the CHA2DS2-VASc risk score on risk stratification in atrial fibrillation: results from the German AFNET registry. Abstract P2624 ESC Congress 2011; spo.escardio.org/SessionDetails.aspx?eevtid=48&sessId=8199&subSessId=1328&searchQuery=&presId=60187&doc=Abstract#.V71RxvmLRGE (05.09.2017)
  • Gößwald A, Schienkiewitz A, Nowossadeck E, Busch MA. Prävalenz von Herzinfarkt und koronarer Herzkrankheit bei Erwachsenen im Alter von 40 bis 79 Jahren in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsbl 2013;5–6:650–655
  • Robert Koch-Institut (RKI) Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Daten und Fakten: Ergebnisse der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell 2012“. Berlin: Robert Koch-Institut 2014
  • Schnabel RB, Wilde S, Wild PS, Munzel T, Blankenberg S. Vorhofflimmern: Prävalenz und Risikofaktorenprofil in der Allgemeinbevölkerung. Dtsch Arztebl Int 2012;109(16):293–299
  • Schnabel RB, Johannsen SS, Wild PS, Blankenberg S. Prävalenz und Risikofaktoren von Vorhofflimmern in Deutschland, Daten aus der Gutenberg Health Study. Herz 2015;40:8–15
  • Steinbeck G, Wichmann HE. Kompetenznetz Vorhofflimmern. Prävalenz von Vorhofflimmern in der Normalbevölkerung. 2009, http://www.kompetenznetz-vorhofflimmern.de/mediziner/projekte/bereich_a/a2/Infoblatt-A2.pdf
  • Wilke T, Groth A, Mueller S, Pfannkuche M, Verheyen F, Linder R, Maywald U, Bauersachs R, Breithardt G. Incidence and prevalence of atrial fibrillation: an analysis based on 8.3 million patients. Europace 2013;15(4):486–493