Versorgungssituation mit Bluthochdruckmitteln C02–C09 Mittel bei Hypertonie

Veröffentlicht am: 09.09.17

Quelle: IGES-Berechnungen nach AVR (1996 bis 2002) und NVI (Insight Health) ab 2003: AVR: Arzneiverordnungs-Report

Die in dieser Indiktionsgruppe betrachteten Wirkstoffe werden zur Therapie mehrerer Krankheitsbilder genutzt. Die Wirkstoffe aus der Teil-Indikationsgruppe der Antihypertensiva kommen bei arterieller und pulmonaler Hypertonie zum Einsatz. Die Wirkstoffe der übrigen Teil-Indikationsgruppen der Bluthochdruckmittel werden zwar überwiegend, aber nicht ausschließlich zur Behandlung der Hypertonie eingesetzt. Die Mittel mit Wirkung auf das Renin-Angiotensin-System oder Betablocker sind bspw. auch wichtig bei der Behandlung der Herzinsuffizienz. Diuretika werden zusätzlich auch bei Ödemen (Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe oder Organen) eingesetzt. Da jedoch ein Großteil des Verbrauchs dieser Arzneimittel im Rahmen der Hypertoniebehandlung anzunehmen ist, werden nachfolgend auch nur der Bedarf und die mögliche Versorgung für dieses Anwendungsgebiet betrachtet. Der darüber hinausgehende Bedarf für z.B. die Therapie der Herzinsuffizienz wird im Folgenden nicht berücksichtigt. Arzneimittel aus der Teil-Indikationsgruppe der Mittel bei pulmonaler Hypertonie werden ausschließlich bei dieser seltenen Erkrankung eingesetzt. Der Verbrauch ist gemessen am Gesamtverbrauch der Indikationsgruppe sehr gering und wird nachfolgend ebenfalls nicht mit einbezogen.

Den Daten des telefonisch durchgeführten GEDA (RKI 2014) zufolge wird für die Hypertonie von einer 12-Monats-Prävalenz von 28,2 % bei Frauen und von 28,5 % bei Männern berichtet. Unter Berücksichtigung der Altersgruppierungen kann eine 12-Monatsprävalenz von insgesamt 17,4 Mio. GKV-Versicherten über 18 Jahren berechnet werden. Allerdings zeigen diese Daten eher eine Unterschätzung an, da sie auf der Selbstauskunft zu einem bereits diagnostizierten Bluthochdruck beruhen (RKI 2014).

Die Ergebnisse der Studie zur Gesundheit in Deutschland (DEGS1) weisen eine höhere Prävalenz für beide Geschlechter aus. Die Punktprävalenz für eine Hypertonie liegt demnach für Frauen zwischen 18 und 79 Jahren bei 29,9 % und bei Männern bei 33,3 % (Neuhauser et al. 2013). Unter Anwendung dieser Prävalenzraten stratifiziert nach Geschlecht und Altersgruppen auf die GKV-Population ist aktuell von insgesamt 21,3 Mio. GKV-Versicherten auszugehen, bei denen eine Hypertonie vorliegt. Da bei einem Teil der an der DEGS1 teilnehmenden Personen die Hypertonie erst im Rahmen der Studie festgestellt wurde, vorher also nicht bekannt war, ist anzunehmen, dass bei etwa 3,4 Mio. GKV-Versicherten die Hypertonie nicht bekannt ist.

In der DEGS1 wurde festgestellt, dass nur bei 28,8 % der Männer ein optimaler und bei 53,1 % ein normaler oder hoch-normaler Blutdruck festgestellt wurde. Bei den Frauen war bei 53,0 % der Blutdruck optimal, bei 34,3 % normal oder hoch-normal (Neuhauser et al. 2013). Erwähnt werden muss, dass sich die Prävalenz für Hypertonie im Vergleich zum Bundesgesundheitssurvey 1998 kaum verändert hat (RKI 2015). Jedoch ist der Anteil der behandelten und kontrollierten Hypertoniepatienten von 1998 bis 2008–2010 (DEGS 1) von 23 % auf 51 % gestiegen. Im gleichen Zeitraum ist die außerdem die Prävalenz der unkontrollierten Hypertonie von 23 % auf 15 % gesunken. Auch der Anteil von Patienten mit bekannter Hypertonie hat sich zwischen 1998 und 2008–2010 von 69 % auf 82 % erhöht (RKI 2015).

Nach den aktualisierten Empfehlungen der Deutschen Hochdruckliga sollten bei allen Patienten mit einem Blutdruck über 140/90 mmHg unabhängig von weiteren Risikofaktoren oder Begleiterkrankungen zunächst lebensstiländernde Maßnahmen ergriffen werden und bei Erfolglosigkeit eine zusätzliche medikamentöse Blutdrucksenkung erfolgen (DGK und DHL 2014). Abhängig von der Höhe des Blutdrucks unterscheiden sich die Empfehlungen lediglich darin, dass die Dauer der Blutdrucksenkung allein durch Lebensstiländerung variiert. Vereinfachend soll im Folgenden davon ausgegangen werden, dass – entsprechend den Ergebnissen von DEGS1 – 2016 bei etwa 21,3 Mio. GKV-Patienten eine Hypertonie und damit ein medikamentöser Behandlungsbedarf bestand.

Um anhand des Verbrauchs der Indikationsgruppen, die zur Behandlung der Hypertonie eingesetzt werden, zu schätzen, wie viele Patienten in der GKV wegen Hypertonie hätten behandelt werden können, wurde angenommen, dass für alle Versicherten, die eine Therapie mit einem fixen Kombinationspräparat erhalten, diese damit ausreichend versorgt sind, d. h. dass hier von einem Bedarf von 1 DDD einer fixen Kombination täglich auszugehen ist. Darüber hinaus wurde davon ausgegangen, dass Versicherte im Mittel zwei Wirkstoffe erhalten. Diese Annahme beruht auf einer Erhebung, die 2005/2006 startete und in der eine Kohorte von Patienten untersucht wurde, die von Kardiologen wegen Hypertonie behandelt wurde (Thoenes et al. 2011). Die Untersuchung ergab, dass je ein Drittel der Patienten einen, zwei bzw. drei oder mehr Wirkstoffe erhielt. Geht man davon aus, dass der Bedarf je Wirkstoff bei täglich 1 DDD liegt, dann hätten 2016 24,1 Mio. Patienten behandelt werden können. Diese Annahme ist jedoch für die meisten Wirkstoffe zu niedrig. Ergebnisse einer Routinedatenanalyse von GKV-Daten aus Mecklenburg-Vorpommern zeigen, dass z.B. für Dihydropyridine, AT-II-Antagonisten und ACE-Hemmer der tägliche Bedarf (prescribed daily dose = PDD) deutlich höher liegt, nämlich bei 1,5; 1,9 bzw. 2,2 DDD täglich (Grimmsmann und Himmel 2011). Korrigiert man die im Jahr verbrauchten Mengen um die von Grimmsmann und Himmel genannten Faktoren, dann ergibt sich, dass 2015 lediglich 18,7 Mio. Patienten hätten behandelt werden können. Es ist allerdings unklar, ob die in Mecklenburg-Vorpommern erhobenen PDD-Werte auf alle übrigen GKV-Patienten angewendet werden können. Trotz dieser Unsicherheit kann angenommen werden, dass die Anzahl der behandelbaren Patienten in der GKV 2016 deutlich unter 24,1 Mio. Patienten lag. Zudem sei nochmals darauf hingewiesen, dass die hier betrachteten Arzneimittel nicht ausschließlich zur Behandlung der Hypertonie eingesetzt werden.

Insgesamt muss davon ausgegangen werden, dass sich die Versorgung von Patienten mit Hypertonie in der Vergangenheit deutlich verbessert hat. Allerdings besteht weiterhin Verbesserungspotenzial, z.B. bei der Diagnosequote wie auch bei der Kontrolle der Hypertonie. Die SPRINT-Studie gibt außerdem Hinweise darauf, dass ein geringerer Zielblutdruck auch bei älteren Patienten vorteilhaft sein könnte (SPRINT Research Group 2015). Daher ist auch in der Zukunft mit einem weiterhin langsam wachsenden Verbrauch zu rechnen.

Literatur zur Versorgungssituation mit Blutdruckmitteln

  • Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und Deutsche Hochdruckliga (DHL) (Hrsg.) (2014) Leitlinien für das Management der arteriellen Hypertonie. https://www.hochdruckliga.de/tl_files/content/dhl/downloads/2014_Pocket-Leitlinien_Arterielle_Hypertonie.pdf
  • Grimmsmann T, Himmel W (2011) Discrepancies between prescribed and defined daily doses: a matter of patients or drug classes? Eur J Clin Pharmacol 67: 847-854. doi: 10.1007/s00228-011-1014-7
  • Neuhauser H, Thamm M, Ellert U (2013) Blutdruck in Deutschland 2008-2011. Bundesgesundheitsbl 56: 795-801
  • RKI (2014) Faktenblatt zu GEDA 2012: Ergebnisse der Studie Gesundheit in Deutschland aktuell 2012. Bluthochdruck. http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsF/Geda2012/Bluthochdruck.pdf?__blob=publicationFile (07.09.2017)
  • RKI (2015) Epidemiologisches Bulletin Nr. 5: Der Blutdruck in Deutschland ist gesunken, das Präventionspotenzial bleibt aber hoch. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2015/Ausgaben/05_15.pdf?__blob=publicationFile (07.09.2017)
  • SPRINT Research Group, Wright JT Jr, Williamson JD, Whelton PK, Snyder JK, Sink KM, Rocco MV, Reboussin DM, Rahman M, Oparil S, Lewis CE, Kimmel PL, Johnson KC, Goff DC Jr, Fine LJ, Cutler JA, Cushman WC, Cheung AK, Ambrosius WT (2015) A Randomized Trial of Intensive versus Standard Blood-Pressure Control. N Engl J Med 373:2103-2016
  • Thoenes M, Tebbe U, Rosin L, Paar WD, Bramlage P, Kirch W, Böhm M (2011) Blood pressure management in a cohort of hypertensive patients in Germany treated by cardiologists. Clin Res Cardiol 100: 483-491. doi: 10.1007/s00392-010-0271-2