Versorgungssituation mit Lipidsenkern C10 Lipidsenkende Mittel

Veröffentlicht am: 18.01.19

Quelle: IGES-Berechnungen nach NVI (Insight Health)

Arzneimittel aus der Indikationsgruppe der lipidsenkenden Mittel werden eingesetzt bei therapiebedürftigen Fettstoffwechselstörungen, vor allem bei Hypercholesterinämie, sowie zur Prävention von kardiovaskulären Ereignissen bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit oder Zustand nach Herzinfarkt. Für diese Patienten ist in jedem Fall eine Behandlungsindikation gegeben (BÄK et al. 2016).

Nach Ergebnissen der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des RKI von 2017 ist in der GKV von 1,7 Mio. Versicherten im Alter von 40 bis 79 Jahren auszugehen, die in der Vergangenheit einen Herzinfarkt erlebt haben (Gößwald et al. 2013). Entsprechend der Studie GEDA 2014/15 lag die 12-Monatsprävalenz für eine koronare Herzkrankheit, also für das Auftreten eines Herzinfarkts, chronischen Beschwerden eines Herzinfarkts oder einer Angina pectoris in den letzten 12 Monaten, bei 4,2 Mio. GKV-Versicherten (Busch 2017).

Erhöhte Blutfettwerte allein sind noch keine ausreichende Indikation für eine medikamentöse Behandlung, erst beim Vorliegen weiterer Risikofaktoren ist diese angezeigt. Es wird eine Risikoabschätzung bspw. nach dem in Deutschland generierten PROCAM-Score empfohlen, welcher auf dem international gebräuchlichen SCORE (Systemic Coronary Risk Estimation) beruht (ESC 2011). Zur Bestimmung des individuellen Risikos für tödliche Herz-Kreislauf-Ereignisse werden Alter, Geschlecht, Gesamtcholesterin, systolischer Blutdruck und Raucherstatus herangezogen, und die Indikation für die Therapie wird daraus abgeleitet. Eine Therapie kann man ab einem moderaten Risiko erwägen; ab einem Risiko von 20 % ist eine medikamentöse Therapie mit lipidsenkenden Mitteln in der Regel indiziert. Diese Empfehlungen spiegeln sich auch in der Arzneimittel-Richtlinie nach § 92 des SGB V wider (G-BA 2017).

Die Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) ergaben, dass 65,1% der Personen zwischen 18 und 79 Jahren eine Dyslipidämie mit einem Gesamtcholesterinwert ≥ 190mg/dl aufweisen. Mit steigendem Alter nimmt die Prävalenz bei beiden Geschlechtern zu. Bei jeweils mehr als einem Drittel aller Männer und Frauen wurde eine bislang unerkannte Dyslipidämie festgestellt. Wie bereits erwähnt, bedingen erhöhte Blutfettwerte allein keine Therapieindikation. Aus diesem Grund kann aus den DEGS1-Ergebnissen nicht direkt ein Behandlungsbedarf abgeleitet werden. Die Ergebnisse von DEGS1 zeigen, dass insgesamt 29,1% der Frauen und 32,3% der Männer mit einer bekannten Dyslipidämie lipidsenkende Medikamente erhalten; eine Stratifizierung nach Altersgruppen liegt vor (Scheidt-Nave 2013). Basierend auf diesen Daten werden ca. 6,0 Mio. Erwachsene in der der GKV mit Lipidsenkern behandelt.

Aktuelle Daten zur Verteilung des Risikos für kardiovaskuläre Erkrankungen, aus denen sich genauer der Behandlungsbedarf in der GKV mit lipidsenkenden Mitteln abschätzen ließe, liegen nicht vor. Es kann allerdings davon ausgegangen werden, dass mindestens bei allen GKV-Versicherten mit einer bekannten KHK ein Behandlungsbedarf besteht. Dies sind derzeit 4,2 Mio. Patienten. Dazu kommen alle Patienten ohne KHK, aber mit einem erhöhten Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis in den nächsten zehn Jahren. Der theoretische maximale Bedarf wurde mit 10,8 Mio. Patienten angenommen, was der Summe der Patienten mit KHK und derer mit Dyslipidämie entspricht. Da es zwischen diesen beiden Gruppen eine Schnittmenge gibt, ist der tatsächliche Bedarf weitaus geringer anzusetzen. Im Jahr 2017 hätten etwa 6,3 Mio. Patienten in der GKV mit lipidsenkenden Mitteln behandelt werden können. Der Wert liegt höher als die Anzahl der Patienten mit bekannter KHK (s. o.). Die Zahl ist jedoch nur etwas höher als die Ergebnisse der DEGS1, wonach ca. 6,0 Mio. Patienten mit bekannter Dyslipidämie behandelt werden. Da der exakte Bedarf nicht genau bekannt ist, kann nicht geschätzt werden, ob Bedarf und Versorgung übereinstimmen. Der in den letzten Jahren ungebrochen anhaltende Verbrauchsanstieg könnte ein Hinweis auf einen weiterhin bestehenden, ungedeckten Bedarf sein.

Im Jahr 2017 hätten etwa 6,3 Mio. Patienten in der GKV mit lipidsenkenden Mitteln behandelt werden können. Der Wert liegt höher als die Anzahl der Patienten mit bekannter KHK (s. o.). Die Zahl ist jedoch nur etwas höher als die Ergebnisse der DEGS1, wonach ca. 6,0 Mio. Patienten mit bekannter Dyslipidämie behandelt werden. Die hier diskutierten Zahlen sprechen dafür, dass der Behandlungsbedarf gedeckt ist. Denn einerseits werden nicht alle Patienten mit bekannter KHK auch eine Dyslipidämie haben und daher nicht in die Prävalenz dieser Patienten eingehen. Umgekehrt werden nicht alle Patienten mit bekannter und behandelter Dyslipidämie an einer KHK erkrankt sein. Für einen noch ungedeckten Bedarf spricht auch das ungebrochene Verbrauchswachstum dieser Indikationsgruppe trotz der bestehenden Restriktion der Erstattung durch die GKV, wonach lipidsenkende Mittel nur verordnet werden dürfen, wenn ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko besteht (s. o.).

Inwieweit die gültigen DDD der üblichen Verordnungspraxis entsprechen, ist weitgehend unklar. Geht man davon aus, dass den Versicherten in der Regel Lipidsenker in der Wirkstärke verordnet werden, die der täglich einzunehmenden Dosis entspricht, die Tabletten also nicht geteilt werden müssen (was angesichts der in den letzten Jahren gesunkenen Preise insbesondere bei den Statinen die Regel sein dürfte), dann ist die hier berechnete Zahl behandelbarer Patienten nicht allzu weit von der Realität entfernt: Im Jahr 2017 wurden insgesamt rund 2,3 Mrd. Darreichungsformen von lipidsenkenden Mitteln in der GKV verordnet. Diese hätten ausgereicht, um 6,3 Mio. Patienten täglich mit einer Tablette irgendeines Lipidsenkers versorgen zu können, bzw. um 5,8 Mio. Patienten mit täglich einer Tablette eines Statins versorgen zu können. Selbst wenn man annimmt, dass die Medikamente nicht regelmäßig eingenommen werden und einige Patienten die verordneten Tabletten teilen, ist davon auszugehen, dass die verordnete Menge den errechneten Bedarf nicht hätte decken können.

Literatur

  • BÄK, KBV, AWMF (Hrsg.) (2016) Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische KHK. 4.Auflage, Version 1. https://www.leitlinien.de/nvl/html/nvl-chronische-khk/kapitel-1 (17.10.2018)
  • Busch MA, Kuhnert R (2017) 12-Monats-Prävalenz einer koronaren Herzkrankheit in Deutschland. Journal of Health Monitoring 2(1): 64–69. DOI 10.17886/RKI-GBE-2017-009
  • European Society of Cardiology (ESC) (2011). ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias: The Task Force for the management of dyslipidaemias of the European Society of Cardiology (ESC) and the European Atherosclerosis Society (EAS). European Heart Journal (2011) 32, 1769–1818.
  • G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss) (2017a) Anlage III – Übersicht über Verordnungseinschränkungen und -ausschlüsse in der Arzneimittelversorgung durch die Arzneimittel-Richtlinie und aufgrund anderer Vorschriften (§ 34 Abs. 1 Satz 6 und Abs. 3 SGB V). https://www.g-ba.de/downloads/83-691-466/AM-RL-III-Verordnungseinschraenkung_2017-11-04.pdf (17.10.2018)
  • Gößwald A, Schienkiewitz A, Nowossadeck E, Busch MA (2013) Prävalenz von Herzinfarkt und koronarer Herzkrankheit bei Erwachsenen im Alter von 40 bis 79 Jahren in Deutschland – Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsblatt 56(5/6):650-655
  • Scheidt-Nave C, Du Y, Knopf H et al. Verbreitung von Fettstoffwechselstörungen bei Erwachsenen in Deutschland - Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsbl 2013; 56:661–667 DOI 10.1007/s00103-013-1670-0