Versorgungssituation bei Impfstoffen J07 Impfstoffe

Veröffentlicht am: 09.09.17

Impfquoten von Masern-, HPV-, und Influenzaimpfungen bei ausgewählten Altersgruppen nach Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen
ImpfungAltersgruppeDeutschland gesamtAlte BundesländerNeue Bundesländer (ohne Sachsen*)
1. Dosis Masern15 Monate (Jahrgang 2013)87,388,083,1
1. Dosis Masern24 Monate (Jahrgang 2013)95,696,095,3
1. Dosis Masern36 Monate (Jahrgang 2012)98,098,197,5
2. Dosis Masern24 Monate (Jahrgang 2013)73,776,572,2
2. Dosis Masern36 Monate (Jahrgang 2012)86,189,070,1
HPV vollständige Impfserie (Dezember 2014)15-Jährige30,527,935,3
HPV vollständige Impfserie (Dezember 2014)17-Jährige42,540,157,7
Influenza (Saison 2015/65)ab 60 Jahren35,530,451,4
* In Sachsen wird die zweite Masernimpfung erst ab dem 5. Lebensjahr empfohlen.Quelle: IGES nach: RKI (2017) Impfquoten der Masern-, HPV- und Influenza-Impfung in Deutschland. Epid Bull 2017/01:1-12

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Zur Ermittlung des Bedarfs an Impfstoffen wurden die Impfempfehlungen der STIKO (RKI 2016) zugrunde gelegt. Es wurde die Menge der Impfdosen für die empfohlenen Standardimpfungen in der jeweiligen Altersgruppe ermittelt. Anschließend wurde jeweils die Anzahl an GKV-Versicherten in der jeweiligen Altersgruppe mit der Anzahl der für diese Altersgruppe empfohlenen Impfdosen multipliziert. Bei Impfungen, die in mehrjährigen Abständen empfohlen werden, wurde die Anzahl der im Mittel im Jahr notwendigen Impfungen zugrunde gelegt. Beispielsweise ist die Impfung gegen Tetanus und Diphtherie ab einem Alter von 18 Jahren alle zehn Jahre indiziert. So wurde der Bedarf an jährlichen Impfdosen ermittelt, indem die Anzahl der GKV-Versicherten ab 18 Jahren durch zehn geteilt wurde.

Überprüfen lässt sich lediglich, ob der Impfbedarf rein quantitativ gedeckt werden kann, wenn man exakt nach den Empfehlungen der STIKO impfen würde. Es ist jedoch zu vermuten, dass dies nicht der Fall ist, d.h. dass Impfungen einerseits bei Personen erfolgen, bei denen sie nicht unbedingt indiziert sind (z.B. Influenzaimpfung bei gesunden Menschen unter 60 Jahren), und andererseits Personen, bei denen eine Impfung indiziert wäre, nicht geimpft werden. Eine qualitative Beurteilung der Bedarfsgerechtigkeit der Versorgung ist daher im Arzneimittel-Atlas auf Grundlage nur möglich, wenn weitere Informationen herangezogen werden können, wie z.B. die jährlich vom RKI publizierten Auswertungen zu den Impfquoten ausgewählter Impfungen. Im Folgenden werden der angenommene Bedarf und der tatsächliche Verbrauch für die am häufigsten verordneten Impfstoffe gegenübergestellt.

Für die saisonale Influenzaimpfung, die in der GKV-Population bei Personen ab 60 Jahren in jeder Saison und für Schwangere seit 2010 als Standardimpfung indiziert ist, ergab sich ein Bedarf von rund 21 Mio. Impfdosen im Jahr 2016. Der Verbrauch lag 2016 bei 12,2 Mio. Impfdosen; dies entsprach weniger als dem Bedarf. In der Grippesaison 2015/2016 lag die Impfquote basierend auf Abrechnungsdaten der KVen unter Erwachsenen ab 60 Jahren bei 35,3 %. In der Saison 2008/2009 lag die Impfquote noch bei 47,9 % (RKI 2017a). Die Impfquote ist in dieser Altersgruppe seit der Grippesaison 2008/2009 mit 47,9 % kontinuierlich abgesunken. Damit hat sich Deutschland in den letzten Jahren immer weiter von dem in einer EU-Resolution genannten Ziel entfernt, eine Impfquote von 75 % bei Personen ab 60 Jahren zu erreichen. (RKI 2017a).

Eine Impfung gegen FSME ist indiziert bei Personen, bei denen die Gefahr besteht, dass sie in den Risikogebieten für FSME Zeckenbisse erleiden könnten. Die Anzahl der Personen, für die ein entsprechender Bedarf besteht, ist jedoch nicht bekannt. 2015 lag die Impfquote bei den Schuleingangsuntersuchungen in den Risikogebieten in Baden-Württemberg und Bayern bei 21,2 % bzw. 33,3 % und in Hessen sowie in Thüringen bei 17,9 % und bei 18,9 %. Im Saarland lag die Impfquote bei 9,2 %. (RKI 2017b).

Für die Pneumokokken-Impfstoffe besteht ein Bedarf für die Standardimpfung bei 600.000 GKV-Versicherten im Alter bis zu 2 Jahren (wobei laut Impfkalender die Impfungen möglichst im 1. Lebensjahr erfolgen sollen). Standardmäßig sollen außerdem Personen im Alter ab 60 Jahren einmalig geimpft werden. Zudem hält die STIKO grundsätzlich bei Verwendung des 23-valenten Pneumokokkenimpfstoffs (PPSV23) Wiederholungsimpfungen im Abstand von mindestens 6 Jahren für sinnvoll (RKI 2016). Allerdings wird die Wiederholung nicht allgemein empfohlen und ist individuell zu prüfen. Daher kann lediglich der Mindestbedarf von rund 2,8 Mio. Impfdosen angenommen werden. Tatsächlich wurden 3,2 Mio. Impfdosen verbraucht. Nach den Ergebnissen zu den Impfquoten, die anlässlich der Schuleingangsuntersuchungen erhoben werden, lag die Impfquote für Pneumokokkenimpfungen 2015 für einzuschulende Kinder lediglich bei 86% (RKI 2017b).

Für die Auffrischimpfungen gegen Diphtherie, Pertussis, Tetanus (DPT) bzw. gegen DPT und Poliomyelitis bei Kindern und Jugendlichen belief sich 2016 der Bedarf auf insgesamt 1,2 Mio. Impfdosen. Für die Impfung gegen Tetanus und Diphtherie und ggf. Pertussis wurde bei den GKV-Versicherten ab 18 Jahren ein Bedarf von 6,0 Mio. Impfdosen ermittelt. Insgesamt ergibt dies einen Mindestbedarf von 7,2 Mio. Impfdosen. Der tatsächliche Verbrauch aller geeigneten Impfstoffe lag 2016 bei 5,7 Mio. Impfdosen. Damit wurde der Bedarf nicht gedeckt. 2012 wiesen 76 % aller Erwachsenen in Deutschland Impfschutz gegen Tetanus auf (Impfung innerhalb der letzten 10 Jahre; RKI 2014). Zu ähnlichen Daten kommen auch die Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland. 71,4 % der Erwachsenen wurden in den letzten 10 Jahren gegen Tetanus geimpft; die Impfquote für Diphterie in den letzten 10 Jahren lag bei 57,1 % (Poethko-Müller und Schmitz 2013). Für Kinder liegt für diese Impfungen die Quote bei rund 95% – zumindest bei den 92%, für die bei der Schuleingangsuntersuchung ein Impfbuch vorgelegt wurde (RKI 2017b).

Für die Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln (MMR) und Varizellen lag der Bedarf entsprechend Impfkalender 2016 bei insgesamt 1,2 Mio. Impfdosen. Dem stand ein Verbrauch von gut 0,88 Mio. Impfdosen des MMR-Varizellen-Impfstoffs gegenüber. Zusätzlich wurden 0,96 Mio. Dosen des MMR-Impfstoffs und 0,61 Mio. des Varizellenimpfstoffs verbraucht. Damit ist rein rechnerisch der Bedarf von Impfstoffen gegen MMR und Varizellen bei Säuglingen und Kleinkindern gedeckt. Laut Impfkalender soll die Immunisierung gegen MMR und Varizellen bei Säuglingen bis 14 Monaten erfolgen. Darüber hinaus besteht Bedarf für Nachholimpfungen bei Kindern und Jugendlichen. Wie bereits erwähnt, sollen auch Erwachsene ggf. gegen Masern geimpft werden und zwar bevorzugt mit einem MMR-Impfstoff. Wie der Masernausbruch in Berlin im Jahr 2015 gezeigt hat, ist der Impfschutz in der Bevölkerung nicht ausreichend. Als Grund sieht das RKI vor allem die Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Darüber hinaus ist bei Kindern die Impfquote für die zweite Masernimpfung im Bundesdurchschnitt zu niedrig. Hier zeigte die Schuleingangsuntersuchung 2015 lediglich eine Quote von knapp 93% an (RKI 2017b). In einer früheren Untersuchung konnte bei rund einem Viertel der Kinder bis zu 2 Jahren keine Masernantikörper nachgewiesen werden. (Poethko-Müller und Mankertz 2013). Das heißt, diese Kinder sind vor einer Masernerkrankung nicht geschützt. Nach einer Studie basierend auf Abrechnungsdaten der kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) ist für die Geburtskohorten von 2004 bis 2012 ein kontinuierlicher Anstieg der Impfquoten zu erkennen. Dennoch wurde in keinem einzigen Bundesland auch bei 36 Monate alten Kindern die von der WHO geforderte Impfquote von 95 % für die Zweitimpfung erreicht. Die jüngsten Auswertungen zeigten, dass für den Geburtsjahrgang 2012 die Quote nur bei 86 % lag (RKI 2017a)

Die Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) bei Mädchen zur Verhinderung bzw. Reduktion des Risikos, im späteren Leben an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, soll bei allen Mädchen im Alter von 9–14 Jahren vor dem ersten Geschlechtsverkehr durchgeführt werden, wobei jeweils zwei Impfdosen erforderlich sind. Der Bedarf wurde unter der Annahme geschätzt, dass bei allen Mädchen im Alter von 9 bis 14 jährlich eine Jahrgangskohorte komplett geimpft wird. Die Größe einer solchen Kohorte kann nur geschätzt werden und liegt bei rund 300 000 Mädchen in der GKV. Bei Anwendung des 2-Dosen-Schemas wären 0,6 Mio. Impfdosen jährlich erforderlich. Tatsächlich verbraucht wurden 2016 etwa 799 000 Impfdosen. Zudem wird bei allen Mädchen, die nach dem 14. Lebensjahr geimpft werden, ein 3-Dosen-Impfschema empfohlen. Das heißt, der Verbrauch liegt unter dem empfohlenen Bedarf. Auswertungen von Abrechnungsdaten der KVen zeigen, dass 2014 nur 30,5 % aller 15-jährigen Mädchen in Deutschland eine komplette Impfserie erhalten hatten; bei 18-jährigen erreichte die Quote bis zu 45% (RKI 2017a).

2013 wurde die Impfung gegen Rotaviren neu in den Impfkalender aufgenommen. Je nach verwendetem Impfstoff sind zwei oder drei Dosen notwendig, wobei die erste Gabe ab der 6. Lebenswoche empfohlen wird. Infektionen mit Rotaviren sind die häufigste Ursache von Magen-Darm-Infektionen mit Erbrechen und Durchfällen weltweit. In Deutschland ist die Infektion mit Rotaviren meldepflichtig. Der Flüssigkeits- und Elektrolytverlust kann gerade bei Kindern im Vorschulalter zu Komplikationen führen, die stationär behandelt werden müssen (RKI 2013). Für die Impfung gegen Rotaviren besteht ein Bedarf für die Standardimpfung bei rund 600.000 GKV-Versicherten im Alter bis zu 24 Wochen. Im Jahr 2016 lag der Verbrauch bei insgesamt 1,17 Mio. Impfdosen. Entsprechend der Verteilung der Impfstoffe mit zwei bzw. drei Dosen hätten 497.000 Säuglinge geimpft werden können.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass auch 2016 für viele Impfungen die Impfquoten niedriger als erwartet bzw. empfohlen waren. Die anhaltende Diskussion zum Thema „Impfskepsis“ und „Impfmüdigkeit“ sowie möglicher Gegenmaßnahmen zeigt, dass das Problem zwar wahrgenommen wird, durchgreifende Änderungen jedoch bislang nicht in Sicht sind.

Literatur zur Versorgungssituation mit Impfstoffen

  • Poethko-Müller C, Mankertz A. Durchimpfung und Prävalenz von IgG-Antikörpern gegen Masern bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bundesgesundheitsbl 2013;56:1243–1252
  • Poethko-Müller C, Schmitz R. Impfstatus von Erwachsenen in Deutschland. Bundesgesundheitsbl 2013;56:845–857
  • Robert Koch-Institut (RKI). Neuerungen in den aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am RKI vom August 2013. Epid Bull 35/2013:344–348
  • Robert Koch-Institut (RKI). Tetanusimpfung. Faktenblatt zu GEDA 2012: Ergebnisse der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell 2012“. Berlin: Robert Koch-Institut 2014
  • Robert Koch-Institut (RKI). Mitteilung der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut/Stand August 2016. Epid Bull 34/2016
  • Robert Koch-Institut (RKI). Impfquoten der Masern-, HPV- und Influenza-Impfung in Deutschland. Epid Bull 1/2017a:1–12
  • Robert Koch-Institut (RKI). Impfquoten bei Schuleingangsuntersuchungen in Deutschland 2014. Epid Bull 16/2017b:137–142