Versorgungssituation mit Mitteln mit dämfender Wirkung auf das Zentralnervensystem (Psycholeptika) N05 Psycholeptika

Veröffentlicht am: 21.01.19

Quelle: IGES-Berechnungen nach NVI (Insight Health)

Die Wirkstoffe der Teil-Indikationsgruppe der Anxiolytika und Sedativa werden zur symptomatischen Therapie bei einer Reihe von Indikationen eingesetzt. Dazu gehört die kurzfristige Behandlung von Schlafstörungen ebenso wie eine sedierende Therapie bei depressiven Patienten mit Suizidgefahr. Eine Schätzung des Bedarfs erscheint auf der Basis der verfügbaren epidemiologischen Kennziffern derzeit nicht möglich.

Neuroleptika und Antipsychotika sind zur Behandlung der Schizophrenie geeignet, sie werden aber auch bei anderen akuten wahnhaften Störungen wie der Manie oder anderen Psychosen eingesetzt. Darüber hinaus kommen Neuroleptika – wie bereits erwähnt – auch bei symptomatischen Störungen zur Anwendung, insbesondere bei Unruhe- und Verwirrtheitszuständen. Neuroleptika wie etwa Melperon sind ferner bei Schlafstörungen indiziert. Eine Bedarfsschätzung ist auch für diese Teil-Indikationsgruppe kaum möglich. Im Folgenden soll daher lediglich geprüft werden, ob der beobachtete Verbrauch für den Bedarf zur antipsychotischen Behandlung der Schizophrenie ausreichend wäre.

In einer umfangreichen systematischen Übersichtsarbeit zur Häufigkeit der Schizophrenie (Saha et al. 2005) wurde eine Punktprävalenz von 4,6 pro 1.000 Personen (0,46%) ermittelt. Gaebel (1999) nennt für Deutschland eine Prävalenz von einem Prozent. Das Robert Koch-Institut geht von einer Prävalenz in ähnlicher Höhe von 0,8 bis 0,9% unter den 18- bis 65-Jährigen aus (Gaebel und Wölwer 2010). Je nach zugrunde gelegter Prävalenz ergeben sich demnach 288.000 bis 625.000 GKV-Versicherte mit Schizophrenie.

Entsprechend der aktuell vorliegenden Konsultationsfassung der S3-Schizophrenieleitlinie soll den Patienten zur Rezidivprophylaxe eine antipsychotische Therapie im Sinne einer kontinuierlichen Strategie angeboten werden (NN 2018). Unter Umständen kann eine intermittierende Therapie sinnvoll sein (NN 2018). D. h., es kann bei den betroffenen Patienten von einem hohen Anteil mit Behandlungsbedarf ausgegangen werden. Aktuelle Daten dazu, wie hoch der Anteil tatsächlich ist, liegen nicht vor. In der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie (DGPPN) zur Behandlung der Schizophrenie von 2006 wird davon ausgegangen, dass bei rund 20% der inzidenten Patienten nach einer ersten akuten Phase eine längerfristige volle Wiederherstellung der psychischen Gesundheit eintritt (NN 2006). Es soll daher hier angenommen werden, dass bei den übrigen 80 % eine dauerhafte Rezidivprophylaxe angezeigt ist. Für die Versicherten der GKV errechnet sich somit, dass im Mittel – je nach Prävalenz – für etwa 230.000 bis 500.000 Patienten ein medikamentöser Behandlungsbedarf besteht. Tatsächlich ergibt sich aus dem Verbrauch von Neuroleptika und Antipsychotika im Jahr 2017 jedoch eine Menge von 0,92 Mio. behandelbaren Patienten – ausgehend von einem Bedarf von täglich einer DDD.

Es ist bekannt, dass der größte Teil der Neuroleptika und Antipsychotika nicht zur Behandlung der Schizophrenie eingesetzt wird. Dies geht auch aus dem Gutachten der Fricke & Pirk GmbH (2004) hervor, wonach 2003 nur 30% der ambulanten Neuroleptika-Verordnungen auf die Behandlung der Schizophrenie entfielen. Unterstützt wird diese Annahme durch die Beobachtung, dass rund 60% aller Neuroleptika-Verordnungen für Patienten ab 60 Jahren erfolgten, während der Altershöhepunkt der Schizophrenie nach Supina und Patten (2006) bei einem Alter zwischen 30 und 40 Jahren liegt (siehe Häussler etl al. 2007). Aus der Untersuchung von Supina und Patten (2006) kann zudem abgeleitet werden, dass der Anteil der über 60-Jährigen an den Schizophrenie-Patienten nur ca. 26% beträgt. Der im Vergleich zur Prävalenz der Schizophrenie überproportionale Verbrauch von Neuroleptika bei älteren Menschen lässt darauf schließen, dass die Verordnung der Neuroleptika in dieser Altersgruppe vorwiegend bei anderen Indikationen als der Schizophrenie erfolgt. Eine Studie auf Basis von Abrechnungsdaten der GKV, konkret der German Pharmacoepidemiological Research Database (GePaRD) kommt zu dem Ergebnis, dass bei Patienten ab 65 Jahren mit Verordnung von Antipsychotika nur bei einer Minderheit eine Schizophrenie vorliegt. Die Antipsychotika kamen bei einer Reihe anderer Störungen zum Einsatz, insbesondere bei Diagnose einer Demenz. (Schmedt et al. 2016)

Eine andere Analyse schätzt den Anteil an potenziell inadäquater Medikation bei den Psycholeptika bei Personen ab 65 Jahren auf mehr als 10% (Amann et al. 2012).

Literatur

  • Amann U, Schmedt N, Garbe E (2012) Ärztliche Verordnungen von potenziell inadäquater Medikation bei Älteren. Eine Analyse basierend auf der PRISCUS-Liste. Dtsch. Ärzteblatt 109(5): 69-75.
  • Fricke & Pirk GmbH (2004) Gutachten "Defizite in der Arzneimittelversorgung in Deutschland" für VFA-Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. file://ads.iges.de/Use/Zelle/zmn/Downloads/gutachten-fricke-pirk.pdf (21.10.2018)
  • Gaebel W (1999) Kompetenznetz Schizophrenie. In: Neurologie und Psychiatrie. Pahnke A und Mühlenhaus A (Hrsg.) Stuttgart.
  • Gaebel W, Wölwer W (2010) Schizophrenie. Heft 50. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin: Robert Koch-Institut.
  • Häussler B, Höer A, Hempel E, Storz P. Arzneimittel-Atlas 2007. Urban und Vogel, München, 2007
  • NN (2006) Band 1 - Behandlungsleitlinie Schizophrenie. In: S3 Praxisleitlinien in Psychiatrie und Psychotherapie. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie (Hrsg.). Darmstadt: Steinkopff.
  • NN (2018) S3-Leitlinie Schizophrenie, AWMF-Register Nr. 038-009, Langfassung. Stand: 29.08.2018 (Konsultationsfassung) https://www.awmf.org/fileadmin/user_upload/Leitlinien/038_D_G_f_Psychiatrie__Psychotherapie_und_Nervenheilkunde/038-009l_S3_Konsultationsfassung_Schizophrenie_2018-09.pdf (18.10.2018).
  • Saha S, Chant D, Welham J, McGrath J (2005) A systematic review of the prevalence of schizophrenia. PLoS Med 2: e141.
  • Schmedt N, Jobski K, Kollhorst B, Krappweis J, Rüther E, Schink T, Garbe E. Treatment patterns and characteristics of older antipsychotic users in Germany. Int Clin Psychopharmacol. 2016 May;31(3):159-69. doi: 10.1097/YIC.0000000000000119.
  • Supina AL, Patten SB (2006) Self-reported diagnoses of schizophrenia and psychotic disorders may be valuable for monitoring and surveillance. Can J Psychiatry 51: 256-259.