Versorgungssituation bei Mitteln für das Nervensystem N07 Andere Mittel für das Nervensystem

Veröffentlicht am: 09.09.17

Anzahl der behandelbaren Patienten in Bezug auf wichtige Teil-Indikationsgruppen der anderen Mittel für das Nervensystem.

Anzahl der behandelbaren Patienten in Bezug auf wichtige Teil-Indikationsgruppen der anderen Mittel für das Nervensystem.
Teil-IndikationsgruppeAnzahl der behandelbaren Patienten
201420152016
Antivertiginosa177.121179.675180.222
Multiple Sklerose9.18314.52814.593
Kaliumkanalblocker11.22812.08812.286
Quelle: IGES-Berechnungen nach NVI (Insight Health).Dargestellt sind Berechnungen für die Jahre 2012–2014 unter der Annahme, dass der tägliche Bedarf bei einer DDD liegt.

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Im folgenden Abschnitt werden vor allem die Erkrankungen dargestellt, bei denen Arzneimittel aus der Indikationsgruppe der anderen Mittel für das Nervensystem die größte Bedeutung für die Ausgaben der GKV haben. Dies sind vor allem die Teil-Indikationsgruppen:

  • Mittel bei Multipler Sklerose
  • Kaliumkanalblocker zur symptomatischen Behandlung der MS und des Lambert-Eaton-Myasthenie-Syndroms (LEMS)
  • Mittel bei Schwindel (Morbus Menière und unspezifischer Schwindel)

Die Epidemiologie der Multiplen Sklerose (MS) wird innerhalb der Indikationsgruppe der Immunstimulanzien (L03). Demnach wird die Prävalenz der MS in der GKV auf rund 124.000 bis 200.000 Patienten geschätzt.

Die immunmodulatorische Therapie kann bei schubförmig verlaufender MS (RRMS) mit Dimethylfumarat oder anderen Wirkstoffen wie bspw. Beta-Interferonen, Glatirameracetat, Fingolimod u. a. durchgeführt werden. Der Anteil von Patienten mit immunmodulatorischer Therapie liegt bei rund 50%. Somit ist von rund 62.000 bis 100.000 Patienten in der GKV auszugehen, für die ein Behandlungsbedarf mit einer immunmodulatorischen Therapie angenommen werden kann. Bei Annahme eines täglichen Bedarfs von einer DDD hätte der Verbrauch von Dimethylfumarat im Jahr 2016 ausgereicht, um mindestens 14.500 Patienten behandeln zu können. Eine Beurteilung der derzeitigen Versorgung von Patienten mit RRMS unter Berücksichtigung aller immunmodulatorischen Arzneimittel findet sich in der Darstellung der Indikationsgruppe der Immunstimulanzien (L03).

Eine symptomatische Behandlung ist bei Patienten mit MS mit dem Kaliumkanalblocker Fampridin möglich. Der Anteil der MS-Patienten mit Gehbehinderung (Expanded Disability Status Scale [EDSS] von 4 bis 6,5 Punkten), die für eine Therapie mit Fampridin in Frage kommt, liegt bei etwa 38 % (Kobelt 2006). Da nur 35–43 % der MS Patienten auf die Therapie mit Fampridin ansprechen − und nur bei diesen eine begonnene Therapie fortgeführt werden soll (Fampyra® Fachinformation 2012) − ist mit einem möglichen Bedarf von etwa 16.000 bis 19.000 MS-Patienten zu rechnen. Bei einem angenommenen Bedarf von kontinuierlich einer DDD täglich hätten im Jahr 2016 etwa 12.000 MS-Patienten mit Fampridin behandelt werden können. Die niedrige Anzahl an behandelbaren Patienten im Vergleich zum Behandlungsbedarf lässt sich u. a. dadurch erklären, dass das Vorliegen einer Gehstörung bei MS keine zwingende Indikation für die Anwendung einer symptomatischen Arzneimitteltherapie ist. Somit ist die Abweichung nicht als Anzeichen einer Unterversorgung zu werten.

Das Lambert-Eaton-Myasthenie-Syndrom (LEMS) zählt zu den seltenen Erkrankungen. Laut der europäischen Definition sind von einer seltenen Erkrankung nicht mehr als fünf von 10.000 Menschen betroffen. Durch eine Störung der Signalweiterleitung von der Nervenzelle auf die Muskelzelle kommt es zu einer Muskelschwäche. Valide Daten zur Häufigkeit des LEMS in Deutschland gibt es bislang nicht. Das Syndrom wird bei einem Teil der Patienten durch Autoimmunprozesse hervorgerufen, und bei diesen Patienten ist der Kaliumkanalblocker Amifampridin das Mittel der Wahl (Wiendl et al. 2014). Bei 50–60 % der Betroffenen tritt das LEMS als paraneoplastische Erkrankung auf, besonders beim kleinzelligen Bronchialkarzinom (Wiendl et al. 2014). Bei diesen Patienten steht die Behandlung der Tumorerkrankung im Vordergrund. Nur für bestimmte Patientengruppen sind epidemiologische Daten zum LEMS verfügbar. Demnach liegt der Anteil der Patienten mit LEMS innerhalb der Gruppe mit kleinzelligem Lungenkarzinom bei etwa 1 % (Wolf et al. 2012). Der Bedarf an Kaliumkanalblockern zur Behandlung des LEMS ist also unklar.

In der ärztlichen Praxis zählt Schwindel zu den häufigsten Leitsymptomen (Neuhauser 2009). Eine repräsentative Befragung der Gesamtbevölkerung ergab eine 12-Monats-Prävalenz von 22,9 % und eine Lebenszeitprävalenz von 29,3 % (Neuhauser 2009). Die 12-Monats-Inzidenz in der deutschen Bevölkerung lag bei 3,1 %. Diese Schätzungen sind eher als konservativ zu werten, da sie nur mäßig starken bis starken Schwindel berücksichtigen. Frauen sind dabei deutlich häufiger von Schwindel betroffen als Männer. Die Anzahl der betroffenen Frauen in der GKV liegt bei 8,1 Mio., bei den Männern bei 4,7 Mio. Die Ursachen für Schwindel sind vielfältig, und nur ein geringer Teil der Erkrankung lässt sich auf eine Störung im peripheren oder zentralen vestibulären System zurückführen (Neuhauser 2009). So wird die 12-Monats-Prävalenz für vestibulären Schwindel in der deutschen Bevölkerung mit 4,9 % angegeben und die Lebenszeitprävalenz liegt bei 7,4 %. Die Inzidenz erreicht 1,4 % bezogen auf 12 Monate (Neuhauser 2009). Der Morbus Menière, eine Unterform des vestibulären Schwindels, ist mit einer Lebenszeitprävalenz von 0,12 % selten (Radtke 2008). Da das Krankheitsbild Schwindel in seinem Verlauf sehr variabel ist, variiert auch der individuelle Arzneimittelbedarf sehr stark, insbesondere hinsichtlich Dosierung und Therapiedauer. Daher ist eine valide Aussage zur Anzahl der Patienten mit einem Therapiebedarf und somit ein Vergleich des tatsächlichen Verbrauchs und des Bedarfs nicht möglich.

Literatur zur Versorgungssituation bei anderen Mitteln für das Nervensystem

  • Fampyra® 10 mg Retardtabletten Fachinformation, Stand Mai 2012
  • Kobelt G, Berg J, Lindgren P et al (2006) Costs and quality of life of multiple sclerosis in Germany. Eur J Health Econ 7(Suppl 2):S34–44
  • Neuhauser HK (2009). Epidemiologie von Schwindelerkrankungen. Nervenarzt 80:887–894
  • Radtke et al (2008) Screening for Menière’s Disease in the general population – the needle in the haystack. Acta Otolaryngol 128:272-276
  • Wiendl H et al. (2014) Diagnostik und Therapie der Myasthenia gravis und des Lambert-Eaton-Syndroms. https://www.dgn.org/leitlinien/3005-ll-68-ll-diagnostik-und-therapie-der-myasthenia-gravis-und-des-lambert-eaton-syndroms#Therapieschema (01.09.2017)
  • Wolf M, Eberhardt W, Früh M et al (2012) Leitlinie Lungenkarzinom, kleinzellig (SCLC). https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/lungenkarzinom-kleinzellig-sclc/@@view/html/index.html (01.09.2017)