Veröffentlicht am: 26.06.26
Aufgrund der Heterogenität der anderen Mittel für das Nervensystem gibt es für diese Indikationsgruppe keine zusammenhängende Entwicklung. An dieser Stelle sollen daher wichtige Ereignisse hervorgehoben werden.
Zu den ältesten Wirkstoffen in der Indikationsgruppe zählt das Pyridostigmin, das 1954 zur Behandlung der Myasthenia gravis eingeführt wurde. Pyridostigmin und das 1970 eingeführte Distigmin hemmen den Abbau von Acetylcholin, einem Botenstoff, der an der Skelettmuskulatur für die Signalübertragung an der sogenannten motorischen Endplatte sorgt. Bei der Myasthenia gravis ist dieser Vorgang gestört und wird durch Parasympathomimetika wie Pyridostigmin gebessert.
Das Methadon ist ein alter Wirkstoff, der bereits 1939 als synthetisches Opioid in Deutschland entwickelt wurde. Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Wirkstoff – ein Gemisch aus L- und D-Methadon – als Schmerzmittel unter dem Namen „Polamidon“ vertrieben. Nur das L-Methadon ist wirksam. Nachdem es gelungen war, das Gemisch zu trennen, wurde ab 1965 nur noch L-Methadon unter dem Namen „L-Polamidon“ in den Verkehr gebracht. Ab 1974 war das Methadon als Gemisch nicht mehr verkehrs- und damit auch nicht verschreibungsfähig. Dies sollte bis 1994 so bleiben. Seitdem ist Methadon für die Opiatsubstitution wieder verordnungsfähig. In sogenannten „Methadon-Programmen“ wurden Opiatabhängige in Deutschland seit den 1970er-Jahren mit L-Methadon behandelt, allerdings mit dem Ziel der Abstinenz und nicht der Langzeitsubstitution. Diese etablierte sich erst seit Beginn der 1990er-Jahre in Deutschland (Gerlach 2004).
1996 wurde mit Riluzol erstmals ein Wirkstoff zur Behandlung der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) eingeführt. Durch Riluzol wird die Überlebenszeit bei der unheilbaren Erkrankung verlängert (Schmidt 1996). Weitere Wirkstoffe zur Behandlung verschiedener, teilweise seltener Erkrankungen sind Natriumoxybat, Amifampridin und Tafamidis, die zwischen 2005 und 2011 auf den Markt gekommen sind. Sie werden eingesetzt bei Narkolepsie, dem Lambert-Eaton-Syndrom bzw. der familiären Amyloidpolyneuropathie vom Transthyretin-Typ (TTR-FAP).
2016 wurde mit Pitolisant ein Wirkstoff eingeführt, der spezifisch zur Behandlung der Narkolepsie entwickelt wurde. Interessant ist, dass Pitolisant als inverser Agonist wirkt. D.h., er hemmt nicht die Wirkung von körpereigenem Histamin am Rezeptor, sondern setzt durch Bindung an den Rezeptor dessen Aktivität herab. Voraussetzung führ das Prinzip des inversen Agonismus ist ein spontan aktiver Rezeptor, der auch in Abwesenheit eines Liganden aktiv ist.
Als erstes RNAi-Therapeutikum in der Indikationsgruppe wurde 2018 das Patisiran eingeführt. Ebenfalls seit 2018 ist mit Tofersen das erste Antisense-Oligonukleotid in der Indikationsgruppe verfügbar. Es handelt sich jeweils um spezifische RNA-Moleküle mit einer jeweils spezifischen Nukleinsäuresequenz, die über mRNA (messenger RNA) in den Zielzellen wirken und dadurch die Bildung der Proteine hemmen, die durch die Ziel-mRNA kodiert werden. RNAi-Therapeutika nutzen den natürlichen RNA-Interferenz-Mechanismus, der dazu führt, dass die Ziel-RNA abgebaut wird und somit als Anleitung für die Proteinbildung nicht mehr zur Verfügung steht. Antisense-Oligonukleotide dagegen binden direkt an die Ziel-RNA und hemmt auf diese Weise die Bildung bestimmter Proteine.
Seit 2022 steht mit Eladocagen exuparvovec die erste Gentherapie zur Verfügung, um den Mangel an aromatischer L-Aminosäure-Decarboxylase (AADC) zu behandeln. Die Gentherapie schleust über einen Vektor das Gen für AADC in Zellen des zentralen Nervensystems ein. Der Vektor muss im Rahmen einer Operation direkt in eine bestimmte Region des Hirns injiziert werden. AADC-Mangel ist sehr selten und führt zu einer Störung bei der Bildung verschiedener Signalmoleküle wie Dopamin und Serotonin. Unbehandelt führt die Erkrankung u. a. zu Bewegungsstörungen und Entwicklungsverzögerungen.