Versorgungssituation bei Mitteln zur Anwendung am Auge S01 Ophthalmika

Veröffentlicht am: 22.03.19

Quelle: IGES-Berechnungen nach NVI (Insight Health)

Zu den bedeutenden Indikationen für Ophthalmika, auf die an dieser Stelle näher eingegangen werden soll, zählen Glaukomerkrankungen und die altersbedingte Makuladegeneration (AMD). Diese mit dem Lebensalter in der Häufigkeit zunehmenden Erkrankungen zählen – neben der diabetischen Retinopathie – zu den Hauptursachen für Erblindungen und schwere Sehbehinderungen in Deutschland (Finger et al. 2012). Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind aus diesem Grund essenziell, um eine Erblindung der Betroffenen zu vermeiden.

Die Häufigkeit der AMD steigt ab dem 50. Lebensjahr exponentiell an. Für das Frühstadium werden nach der Gutenberg-Gesundheitsstudie Prävalenzen in Höhe von 3,8 % in der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen, 8,9 % bei den 45- bis 54-Jährigen, 15,9 % bei den 55- bis 64-Jährigen und 24,2 % bei den 65- bis 74-Jährigen berichtet (Korb et al. 2014). Die Gesamtprävalenz in der Studie für das frühe Stadium der AMD lag bei 11,9 % (Frauen 11,4 %, Männer 12,3. In einer aktuelleren Studie in der Region Regensburg mit 1.040 Personen ab 70 Jahren lag die Prävalenz der frühen AMD bei 27,5 % (Brandl et al. 2018). Auf Grundlage der nach Alter stratifizierten Prävalenzangaben in der Gutenberg-Gesundheitsstudie sowie den Angaben für die ≥ 70-Jährigen aus der Region Regensburg ist in der GKV-Population mit knapp 7,1 Mio. erwachsenen Patienten zu rechnen, die an einem frühen Stadium der AMD erkrankt sind.

Im Frühstadium der Erkrankung steht keine medikamentöse Therapie zur Verfügung. Die Spätform der AMD manifestiert sich je nach Ausprägungsform in einer „trockenen“ (atrophischen) oder einer neovaskulären, auch als „feucht“ bezeichneten Form. Die Prävalenz im Spätstadium wird, ausgehend von Ergebnissen mehrerer Studien, bei 60-Jährigen mit 0,5–1 %, bei 70-Jährigen mit ca. 2 %, bei 80-Jährigen mit etwa 5 % und bei 85- bis 90-Jährigen mit etwa 10–15 % beziffert (Schrader 2006). In der Regensburger Studie lag der Anteil der Patienten mit später AMD bei den ≥70Jährigen bei 7,2 % (Brandl et al. 2018). Der Leitlinie der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG 2015) zufolge leiden im Alter von 65–74 Jahren ca. 1 % sowie im Alter von 75–84 Jahren etwa 5 % der Betroffenen an einem Spätstadium der AMD. Für die häufigere Verlaufsform, die trockene Form der AMD, ist bislang keine Therapie bekannt. Bei der feuchten Form der AMD kann eine medikamentöse Therapie mit VEGF-Antagonisten das Fortschreiten der Erkrankung verzögern. Die Häufigkeit von feuchter AMD wurde in der European Eye Study (EUREYE) untersucht, nach der insgesamt 2,3 % der Bevölkerung ab 65 Jahren betroffen sind (Augood et al. 2006). Stratifiziert nach Alter und Geschlecht würden auf Basis dieser Ergebnisse in Deutschland etwa 0,58 Mio. Patienten ab 65 Jahren in der GKV an der feuchten Form der AMD erkrankt sein. Entsprechend den Unterlagen zur Nutzenbewertung nach § 35 SGB V wird die Patientenpopulation mit neovaskulärer (feuchter) AMD in der GKV auf ca. 0,305 Mio. Patienten geschätzt (G-BA 2013). Wie in der Gutenberg-Studie gezeigt wurde, ist das Auftreten der Spätform bei jüngeren Altersgruppen sehr selten. In der jüngsten Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen wurde keine späte Form der AMD beobachtet, und in der Altersgruppe der 45- bis 54-Jährigen lag die Prävalenz bei 0,1 % (Korb et al. 2014). Für die Behandlung der AMD kann die intravitreale Injektion von VEGF-Antagonisten mittlerweile als etablierte Therapie angesehen werden. Aufgrund des empfohlenen individualisierten Behandlungsschemas kann der jährliche Bedarf an Arzneimitteln jedoch nicht valide geschätzt werden (DOG et al. 2014).

Beim Glaukom oder „Grünen Star“ werden verschiedene Formen unterschieden. Die häufigste Form ist das Offenwinkelglaukom. Das chronische Offenwinkelglaukom ist eine fortschreitende Erkrankung des Sehnervs, die mit charakteristischen Schäden am Sehnervenkopf (Papille) und Gesichtsfeldausfällen einhergeht. Wichtigster Risikofaktor ist ein erhöhter Augeninnendruck. Die Leitlinie der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft gibt für das primäre chronische Offenwinkelglaukom ab dem 40. Lebensjahr in Europa eine Prävalenz von ca. 2,4 % an (DOG 2006). Auf Grundlage von Versorgungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz aus dem Jahr 2010 wurde die Gesamtprävalenz des Glaukoms in Deutschland auf ca. 2,32 % geschätzt und liegt demnach in der gleichen Größenordnung (Wolfram et al. 2012). In einer Auswertung der Gutenberg-Studie wird eine selbst-berichtete Prävalenz des Glaukoms von 2,3 % angegeben (Höhn et al. 2015). In einer Analyse von GKV-Routinedaten für das Jahr 2012 mit ca. 2,4 Mio. Versicherten lag die Prävalenz des Offenwinkelglaukoms bei 2,1 % (van der Linde et al. 2014).

Bei erhöhtem Augeninnendruck besteht nach der Leitlinie Behandlungsbedarf, wenn er in Kombination mit bestimmten Risikofaktoren auftritt (DOG 2006). Die medikamentöse Therapie, die auf die Verringerung des Augeninnendrucks abzielt, reduziert die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung eines Glaukoms in einem Zeitraum von 5 Jahren von 9,5 auf 4,4 % (Kass et al. 2002). Aufgrund des zunächst schleichenden Beginns wird eine Glaukomerkrankung oftmals erst spät erkannt. In Deutschland wird die Dunkelziffer unentdeckter Glaukome auf mindestens die gleiche Anzahl wie die der diagnostizierten Fälle geschätzt (Wolfram et al. 2012). Auf Grundlage der GKV-Routinedatenanalyse mit alters- und geschlechtsadjustierten Prävalenzraten kann für die GKV eine Anzahl von ca. 2,2 Mio. behandlungsbedürftigen Patienten mit Glaukom und erhöhtem Augeninnendruck geschätzt werden, für die ein täglicher Bedarf von 1 DDD angenommen werden kann. Angesichts der hohen Dunkelziffer ist von einem deutlich höheren Bedarf auszugehen. Der tägliche Bedarf dürfte im Durchschnitt etwas höher liegen, da ein Teil der Patienten mit einer Kombination aus zwei Wirkstoffen behandelt werden muss und dazu zwar vermutlich sehr häufig, aber nicht immer fixe Kombinationen eingesetzt werden. Für einen unbekannten Teil der Patienten ist daher von einem täglichen Bedarf von 2 DDD auszugehen. Wie die Abbildung zeigt, hätten 2017 mindestens 1,42 Mio. Menschen in der GKV mit Glaukommitteln behandelt werden können. Damit liegt der Verbrauch der Mittel deutlich unter dem geschätzten Bedarf.

Literatur

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  • Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG), Retinologische Gesellschaft, Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA). Die Anti-VEGF-Therapie bei der neovaskulären altersabhängigen Makuladegeneration: Therapeutische Strategien. Stand November 2014, http://cms.augeninfo.de/fileadmin/stellungnahmen/Anti-VEGF-Therapie_bei_der_neovask_Therapeut_Strategie.pdf (18.03.2019)
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