Praxisbesonderheiten

Veröffentlicht am: 08.09.17

Gemäß § 130b SGB V sieht das Verfahren der frühen Nutzenbewertung vor, dass der GKV-Spitzenverband und der pharmazeutische Unternehmer spätestens 6 Monate nach dem G-BA-Beschluss zum Zusatznutzen für das jeweilige Arzneimittel die Verhandlungen zum Erstattungsbetrag abschließen. Nach § 130b Abs. 2 SGB V soll die Vereinbarung über den Erstattungsbetrag vorsehen, dass die Verordnung des Arzneimittels als Praxisbesonderheit anerkannt wird. Die Berücksichtigung von Praxisbesonderheiten führt in der Praxis dazu, dass das Verordnungsvolumen und damit die Überschreitung des Richtgrößenvolumens reduziert werden können. Wird eine Überschreitung der Richtgröße festgestellt, besteht für den Arzt die Gefahr von Regressforderungen durch die Kassen. Die verbindliche Umsetzung der Praxisbesonderheit erfolgt auf Ebene der KV-Regionen.

Wie Tabelle 8 zeigt, wurden bis zum 31. Dezember 2016 lediglich 14 der 170 bewerteten Wirkstoffe bzw. Wirkstoffkombinationen als Praxisbesonderheit anerkannt (GKV-Spitzenverband 2017). Das bedeutet, dass die Kosten für diese bewerteten Arzneimittel aus den Arzneimittelausgaben der Praxis herausgerechnet und nicht auf die Richtgröße des Arztes angerechnet werden. Es zeichnet sich jedoch eine zunehmende Verbreitung von Praxisbesonderheiten in den letzten 2 Jahren ab: Bis einschließlich 2014 wurden nur vier Vereinbarungen zu Praxisbesonderheiten verabschiedet, wobei zwei Vereinbarungen (zu Abirateronacetat und Enzalutamid) das gleiche Anwendungsgebiet betreffen. Im Jahr 2015 wurden fünf weitere Praxisbesonderheiten vereinbart, wobei eine für ein weiteres Anwendungsgebiet von Enzalutamid gilt. Im Jahr 2016 wurden weitere sechs Praxisbesonderheiten vereinbart. Es handelt sich ausschließlich um Wirkstoffe, für die vorher keine Praxisbesonderheit in einem anderen Anwendungsgebiet vereinbart wurde.

Wirkstoffe, die nach der frühen Nutzenbewertung als Praxisbesonderheit anerkannt wurden
Wirkstoff Indikation Zusatznutzen laut G-BA Praxisbesonderheit gültig seit Patientenpopulation
Ticagrelor  Akutes Koronarsyndrom beträchtlich 01.01.2012 Instabile Angina pectoris (IA)/ Myokardinfarkt ohne ST-Hebung (NSTEMI)
Ticagrelor  Akutes Koronarsyndrom nicht quantifizierbar 01.01.2012 Myokardinfarkt mit ST-Strecken-Hebung (STEMI), perkutane Koronarintervention
Pirfenidon Idiopathische pulmonale Fibrose nicht quantifizierbar 15.09.2012 Leichte bis mittelschwere idiopathische pulmonale Fibrose (IPF) bei Erwachsenen
Abirateronacetat Prostatakarzinom beträchtlich 01.10.2012 Patienten mit metastasiertem kastrationsresistenten Prostatakarzinom, die während oder nach einer Docetaxel-haltigen Chemotherapie progredient sind und für die eine erneute Behandlung mit Docetaxel nicht mehr infrage kommt
Abirateronacetat Prostatakarzinom beträchtlich 15.01.2013 Patienten mit metastasiertem kastrationsresistenten Prostatakarzinom mit asymptomatischem oder mild symptomatischem Verlauf der Erkrankung nach Versagen der Androgenentzugstherapie, bei denen eine Chemotherapie noch nicht klinisch indiziert ist
Enzalutamid Prostatakarzinom beträchtlich 01.09.2014 Behandlung erwachsener Männer mit metastasiertem kastrationsresistenten Prostatakarzinom, deren Erkrankung während oder nach einer Chemotherapie mit Docetaxel fortschreitet
Enzalutamid Prostatakarzinom beträchtlich 01.10.2015 Metastasiertes kastrationsresistentes Prostatakarzinom, mit asymptomatischem oder mild symptomatischem Verlauf nach Versagen der Androgenentzugstherapie, Chemotherapie klinisch noch nicht indiziert
Ataluren Duchenne-Muskeldystrophie gering 01.12.2015 Behandlung infolge einer Nonsense-Mutation im Dystrophin-Gen bei gehfähigen Patienten im Alter ab 5 Jahren. Bei nicht gehfähigen Patienten wurde keine Wirksamkeit nachgewiesen. Das Vorliegen einer Nonsense-Mutation im Dystrophin-Gen ist durch Gentest nachzuweisen.
Ruxolitinib Chronisch-myeloproliferative Erkrankungen beträchtlich 15.05.2015 Behandlung von krankheitsbedingter Splenomegalie oder Symptomen bei Erwachsenen
Siltuximab Multizentrische Castleman-Krankheit (MCD) nicht quantifizierbar 15.06.2015 Behandlung von krankheitsbedingter Splenomegalie oder Symptomen bei Erwachsenen
Propranolol Infantiles Hämangiom erheblich 15.07.2015 Hämangiom, bei dem die Gefahr von bleibenden Narben oder Entstellung besteht
Propranolol Infantiles Hämangiom nicht quantifizierbar 15.07.2015 Lebens- oder funktionsbedrohendes Hämangiom
Propranolol Infantiles Hämangiom nicht quantifizierbar 15.07.2015 Ulzeriertes Hämangiom, das Schmerzen verursacht und/oder nicht auf einfache Wundpflegemaßnahmen anspricht
Nintedanib Idiopathische pulmonale Fibrose gering 01.01.2016 Idiopathische Lungenfibrose (IPF)
Eliglustat Morbus Gaucher Typ 1 nicht quantifizierbar 01.04.2016 Morbus Gaucher Typ 1
Secukinumab Plaque-Psoriasis beträchtlich 15.09.2016 Mittelschwere bis schwere Plaque-Psoriasis, unzureichendes Ansprechen, Kontraindikation oder Unverträglichkeit ggü. systemischen Therapien einschließlich Ciclosporin, Methotrexat oder PUVA (Psoralen und Ultraviolett-A-Licht), Biologika-Vorbehandlung
Secukinumab Plaque-Psoriasis gering 15.09.2016 Mittelschwere bis schwere Plaque-Psoriasis, unzureichendes Ansprechen, Kontraindikation oder Unverträglichkeit ggü. systemischen Therapien einschließlich Ciclosporin, Methotrexat oder PUVA (Psoralen und Ultraviolett-A-Licht), keine Biologika-Vorbehandlung
Nivolumab Nichtkleinzelliges Lungenkarzinom beträchtlich 20.07.2016 Lokal fortgeschrittenes oder metastasiertes nichtkleinzelliges Lungenkarzinoms (NSCLC) mit plattenepithelialer Histologie nach vorheriger Chemotherapie bei erwachsenen Patienten, für die eine Behandlung mit Docetaxel angezeigt ist
Idebenon Lebersche hereditäre Optikusneuropathie nicht quantifizierbar 01.10.2016 Sehstörungen bei Leberscher hereditärer Optikusneuropathie (LHON)
Sacubitril/ Valsartan Herzinsuffizienz beträchtlich 16.06.2016 Symptomatische chronische Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion, Vorbehandlung mit ACE-Hemmer oder AT1-Rezeptor-Blocker, Patienten ohne Diabetes mellitus
Sacubitril/ Valsartan Herzinsuffizienz gering 16.06.2016 Symptomatische chronische Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion, Vorbehandlung mit ACE-Hemmer oder AT1-Rezeptor-Blocker, Patienten mit Diabetes mellitus
Quelle: IGES nach Angaben des GKV-Spitzenverbands (www.gkv-spitzenverband.de/krankenversicherung/arzneimittel/rabatt_verhandlungen_nach_amnog/erstattungsbetragsverhandlungen_nach___130b_sgb_v/erstattungsbetragsverhandlungen_nach_130b_sgb_v_vl.jsp)

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