Krebsmedikamente L01 Antineoplastische Mittel

Veröffentlicht am: 19.09.22

Arzneimittel, die zur Behandlung von Krebserkrankungen eingesetzt werden, finden sich in insgesamt drei Indikationsgruppen. Zur umfangreichsten Gruppe gehören die an dieser Stelle betrachteten antineoplastischen, d. h. gegen bösartige Neubildungen wirkenden Arzneimittel (L01). Als weitere Indikationsgruppe mit überwiegend bei Krebserkrankungen eingesetzten Wirkstoffen ist die Endokrine Therapie (L02) zu nennen. Schließlich finden sich einige weitere Wirkstoffe, die beim Multiplen Myelom zur Anwendung kommen, in der Indikationsgruppe der Immunsuppressiva (L04).

Es ist in den meisten Fällen nicht möglich, die Wirkstoffe bestimmten Krebserkrankungen zuzuordnen. Zwar gibt es Wirkstoffe, die nur bei ganz speziellen Formen einer bestimmten Krebserkrankung eingesetzt werden, die meisten Wirkstoffe werden jedoch bei unterschiedlichen Krebserkrankungen angewendet. Häufig werden Wirkstoffe miteinander kombiniert, um den bestmöglichen Therapieerfolg zu erreichen.

Bei manchen Krebserkrankungen kann eine antineoplastische Therapie kurativ eingesetzt werden, d. h. dass die Behandlung mit dem Ziel der Heilung durchgeführt wird. Dies trifft vor allem für akute Leukämien und bestimmte Lymphome zu.

Eine weitere Anwendungsform antineoplastischer Arzneimittel ist die adjuvante Therapie. Hier werden die Arzneimittel unterstützend zu einer operativen oder Strahlentherapie eingesetzt, z. B. um vor einer Operation (neoadjuvante Therapie) die Tumormasse zu verkleinern oder nach einer Operation bzw. Bestrahlung zu verhindern, dass aus kleinen, bis dahin nicht nachweisbaren Tumorabsiedlungen der Tumor erneut nachwächst. Adjuvante Therapien spielen eine wichtige Rolle bei den häufigsten Tumorarten: Brust-, Darm- und Lungenkrebs.

Bei vielen Krebserkrankungen werden, vor allem in fortgeschrittenen Stadien, antineoplastische Arzneimittel palliativ eingesetzt. Ziel der Behandlung ist es, die Lebenszeit zu verlängern, durch die Krebserkrankung verursachte Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Eine Heilung ist bei palliativer Therapie in der Regel nicht mehr möglich.

Teil-Indikationsgruppen

In der Indikationsgruppe der Antineoplastischen Mittel werden zwei Teil-Indikationsgruppen unterschieden. Von Bedeutung ist vor allem die Gruppe der chemisch definierten Mittel gegen Krebs mit zahlreichen Therapieansätzen, die in der Tabelle dargestellt sind.

Therapieansätze

Den mittlerweile größten Therapieansatz mit den meisten Wirkstoffen stellt die Gruppe der Proteinkinase-Inhibitoren dar. Diese Gruppe wurde 2001 mit der Einführung von Imatinib begründet. Imatinib hemmt sehr spezifisch eine bestimmte Proteinkinase, die nur bei wenigen Krebsarten relevant ist. Proteinkinasen spielen eine wichtige Rolle bei den Wachstumsprozessen in Krebszellen. Es stehen mittlerweile Proteinkinase-Inhibitoren zur Verfügung zum Einsatz u. a. bei Leukämien, Lymphomen, Brust-, Darm-, Leber-, Lungen-, Nieren-, Schilddrüsen- und schwarzem Hautkrebs sowie Myelofibrose.

Proteinkinase-Inhibitoren werden als zielgerichtete Therapien eingesetzt. Darunter sind Wirkprinzipien zu verstehen, die sich gezielt gegen Strukturen, Enzyme oder Prozesse richten, die ausschließlich oder überwiegend in Krebszellen nachweisbar und für Wachstum, Vermehrung und Ausbreitung der Krebszellen relevant sind. Die Proteinkinase-Inhibitoren werden mittlerweile entsprechend der Zielproteine in weitere Unterklassen gegliedert: So gehört das Imatinib zu den BCR-ABL-TKI. Das heißt es ist ein sogenannter Tyrosinkinase-Inhibitor (TKI), der sich gegen das Fusionsprotein BRC-ABL richtet. Dieses Protein entsteht durch eine Mutation und führt zu einer Daueraktivierung bestimmter Signalwege in der betroffenen Zelle, was letztlich zur Entstehung von Krebs führen kann, in diesem Fall zu chronisch-myeloischer Leukämie. Weitere Unterklassen von Proteinkinase-Inhibitoren sind EGFR-TKI (z. B. Gefitinib), ALK-Inhibitoren (z. B. Crizotinib) oder MEK-Inhibitoren (z. B. Trametinib).

Als weitere Wirkprinzipien zielgerichteter Therapien ist die Proteasom-Hemmung durch das 2004 eingeführte Bortezomib zu nennen oder die mTOR-Inhibitoren („mammalian target of rapamycin“-Inhibitoren), zu denen das Temsirolimus gehört. Das 2013 eingeführte Vismodegib ist ein Hemmstoff des sogenannten Hedgehog-Signalwegs, und 2015 kam mit Idelalisib ein PI3-Kinase-Inhibitor auf den Markt. 2015 wurde die Auswahl der Wirkprinzipien um den ersten Histon-Decarboxylase-Inhibitor Panobinostat erweitert. Der Wirkstoff Olaparib (2015) hemmt das Enzym PARP, das an der DNA-Reparatur beteiligt ist. Olaparib wirkt bei Krebsarten, die aufgrund von angeborenen Mutationen (BRCA1, BRCA2) entstehen. Mit Palbociclib wurde 2016 die neue Wirkstoffklasse der CDK-Inhibitoren eingeführt. Sie hemmen bei bestimmten Tumorzellen (z. B. hormonempfindliche Brustkrebszellen) den Übergang in die Zellteilungsphase, die durch die zellulären Proteine CDK4 bzw. CDK6 aktiviert wird. Venetoclax (2017) hemmt das BCL (B-Zell-Lymphom)-2-Protein, das bei bestimmten Krebszellen den programmierten Zelltod verhindert.

Auch Immunonkologika können den zielgerichteten Therapien zugeordnet werden. Die Bedeutung des Immunsystems auch bei der Kontrolle des Wachstums von Krebszellen ist bekannt. Seit Langem wird und wurde daher z. B. Interferon alpha bei malignem Melanom angewendet, das allerdings vergleichsweise unspezifisch auf das Immunsystem wirkt. Tumorzellen können die gegen Krebszellen gerichtete körpereigene Immunabwehr ausschalten. Sie greifen dabei häufig an sogenannten „Immuncheckpoints“ an, die physiologischerweise dazu dienen, eine überschießende Immunreaktion zu verhindern. Neue Immunonkologika wie das Ipilimumab heben diese tumorbedingte Hemmung des Immunsystems auf und ermöglichen dem Immunsystem so (wieder) einen Zugriff auf die Krebszellen. Bei Talimogen Iaherparepvec (T-Vec) handelt es sich um ein gentechnisch verändertes Herpesvirus, das sich nur in Tumorzellen vermehrt. Die Virusvermehrung führt einerseits zur Zerstörung der Tumorzellen. Darüber hinaus trägt das Virus das Gen für GM-CSF (Granulozyten-Monozyten-Kolonie-stimulierender Faktor). GM-CSF führt zu einer gegen die Tumorzellen gerichteten Immunantwort.

Ebenfalls zu den Gentherapien zählen die seit 2018 verfügbaren CAR-T-Zell-Therapien, die bei bestimmten Lymphomen zum Einsatz kommen. Hier werden T-Lymphozyten des Patienten gentechnisch so verändert, dass sie gezielt an die Krebszellen binden und diese zerstören.

Seit 2019 ist mit Larotrectinib ein Wirkstoff zur Behandlung von Tumoren mit NTRK-Fusionsprotein (neurotrophe Tropomyosin-Rezeptor-Kinasen) zugelassen, und zwar unabhängig von Tumortyp (z. B. Speicheldrüsen- oder Schilddrüsenkrebs). Larotrectinib hemmt gezielt das NTRK-Fusionsprotein.

Das 2021 eingeführte Tagraxofusp stellt das erste Immunotoxin dar: Der Wirkstoff verbindet das Interleukin 3 mit einem modifizierten Diphtherietoxin. Nach Bindung an den IL-3-Rezeptor, die sich in hoher Konzentration auf bestimmten Krebszellen finden, wird das Toxin freigesetzt und bewirkt einen programmierten Zelltod.