Krebsmedikamente L01 Antineoplastische Mittel

Veröffentlicht am: 10.09.17

Die Indikationsgruppe Mittel gegen Krebs (antineoplastische, d. h. gegen bösartige Neubildungen wirkende Arzneimittel) umfasst eine Fülle von Wirkstoffen, die vor allem zur Behandlung von Krebserkrankungen eingesetzt werden.

Es ist in den meisten Fällen nicht möglich, die Wirkstoffe bestimmten Krebserkrankungen zuzuordnen. Zwar gibt es Wirkstoffe, die nur bei ganz speziellen Formen einer bestimmten Krebserkrankung eingesetzt werden, die meisten Wirkstoffe werden jedoch bei unterschiedlichen Krebserkrankungen angewendet. Häufig werden Wirkstoffe miteinander kombiniert.

Bei manchen Krebserkrankungen kann eine antineoplastische Therapie kurativ eingesetzt werden, d.h. dass die Behandlung mit dem Ziel der Heilung durchgeführt wird. Dies trifft vor allem für akute Leukämien und bestimmte Lymphome zu.

Eine weitere Anwendungsform antineoplastischer Arzneimittel ist die adjuvante Therapie. Hier werden die Arzneimittel unterstützend zu einer operativen oder Strahlentherapie eingesetzt, z. B. um vor einer Operation (neoadjuvante Therapie) die Tumormasse zu verkleinern oder nach einer Operation bzw. Bestrahlung zu verhindern, dass aus kleinen, bis dahin nicht nachweisbaren Tumorabsiedlungen der Tumor erneut nachwächst. Adjuvante Therapien spielen eine wichtige Rolle bei den häufigsten Tumorarten: Brust-, Darm- und Lungenkrebs.

Bei vielen Krebserkrankungen werden, vor allem in fortgeschrittenen Stadien, antineoplastische Arzneimittel palliativ eingesetzt. Ziel der Behandlung ist es, die Lebenszeit zu verlängern, durch die Krebserkrankung verursachte Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Eine Heilung ist bei palliativer Therapie in der Regel nicht mehr möglich.

Pharmakotherapeutische Übersicht zu den Mitteln gegen Krebs*
Teil-IndikationsgruppeTherapieansatzWirkstoff (Einführung**)
Chemisch definierte Antineoplastika inkl. BiologikaAlkylanzien interagieren mit der Zell-DNA und hemmen dadurch die Zellteilung.Cyclophosphamid (1958)
Chlorambucil (1953)
Melphalan (1950er)
Ifosfamid
Trofosfamid
Bendamustin (1960er)
Busulfan (1950er)
Treosulfan
Thiotepa
Carmustin (1978)
Lomustin (1981)
Nimustin (1984)
Temozolomid (1999)
Dacarbazin (1970er)
Procarbazin (1960er)
Antimetaboliten hemmen als „falsche“ Bausteine bestimmte Prozesse im Zellstoffwechsel.Methotrexat (1955)
Pemetrexed (2004)
Mercaptopurin (1950er)
Thioguanin
Cladribin (1997)
Fludarabin (1997)
Clofarabin (2006)
Nelarabin (2007)
Cytarabin (um 1960)
Fluorouracil (1957)
Tegafur (2002)
Gemcitabin (1996)
Capecitabin (2001)
Azacitidin (2009)
Decitabin (2012)
Trifluridin und Tipiracil (2016)
Tegafur und Uracil (2002)
Tegafur, Gimeracil und Oteracil (2012)
Vincaalkaloide hemmen als Spindelgifte die Zellteilung.Vinblastin (1950er)
Vincristin (1950er)
Vindesin (1980)
Vinorelbin (1996)
Vinflunin (2009)
Podophyllotoxine hemmen die für die DNA-Duplikation relevante Topoisomerase (I).Etoposid (1973)
Taxane sind ebenfalls Spindelgifte.Paclitaxel (1994)
Docetaxel (1996)
Cabazitaxel (2011)
Zytostatische Antibiotika sind Stoffe aus Bakterien mit antineoplastischer Wirkung.Dactinomycin (1950er)
Doxorubicin (1967)
Daunorubicin (1963)
Epirubicin (1984)
Idarubicin (1991)
Mitoxantron (1985)
Pixantron (2012)
Bleomycin (1966)
Mitomycin (1978)
Platinhaltige Verbindungen interagieren ebenfalls mit der Zell-DNA.Cisplatin (1970er)
Carboplatin (1988)
Oxaliplatin (1999)
In der Onkologie eingesetzte monoklonale Antikörper richten sich spezifisch gegen bestimmte Strukturen auf der Zelloberfläche, die für das Krebswachstum relevant sind.Rituximab (1998)
Trastuzumab (2000)
Alemtuzumab (2001)
Cetuximab (2004)
Bevacizumab (2005)
Panitumumab (2008)
Ofatumumab (2010)
Pertuzumab (2013)
Obinutuzumab (2014)
Ramucirumab (2015)
Necitumumab (2016)
Aflibercept (2013)
Catumaxomab (2009)
Blinatumomab (2015)
Daratumumab (2016)
Elotuzumab (2016)
Olaratumab (2016)
Dinutuximab (2016)
Necitumumab (2016)
Camptothecine hemmen die Topoisomerase (II).Topotecan (1997)
Irinotecan (1998)
Weitere NaturstoffeEribulin (2011)
Andere antineoplastische Mittel haben verschiedene Wirkmechanismen.Trabectedin (2007)
Asparaginase (1960er)
Hydroxycarbamid (1968)
Mitotan (2004)
Pegaspargase (1997)
Arsentrioxid (2002)
Anagrelid (2005)
Weitere Therapieansätze mit unterschiedlichen Wirkmechanismen (Retinoide, photodynamische Therapie und andere)Methylaminolevulinat (2002)
Methoxsalen
Temoporfin (2002)
Pentostatin (1994)
Miltefosin (1993)
Estramustin (1970er)
Tretinoin
Bexaroten (2002)
5-Aminolävulinsäure
Proteinkinase-Hemmer hemmen spezifisch jeweils bestimmte Proteinkinasen, die bei Wachstumsprozessen in Krebszellen eine Rolle spielen. Oft ist die Wirkung auf eine oder wenige Arten von Krebszellen beschränkt.Imatinib (2001)
Gefitinib (2009)
Erlotinib (2005)
Sunitinib (2006)
Sorafenib (2006)
Dasatinib (2006)
Lapatinib (2008)
Nilotinib (2008)
Pazopanib (2010)
Vandetanib (2012)
Afatinib (2014)
Bosutinib (2014)
Vemurafenib (2012)
Crizotinib (2012)
Axitinib (2012)
Ruxolitinib (2012)
Regorafenib (2014)
Dabrafenib (2014)
Ponatinib (2014)
Trametinib (2015)
Cabozantinib (2014)
Ibrutinib (2014)
Ceritinib (2015)
Lenvatinib (2015)
Nintedanib (2015)
Osimertinib (2016)
Cobimetinib (2015)
Olaparib (2015)
Weitere Wirkstoffgruppen für die zielgerichtete Therapie (Proteasom-Inhibitoren, mTOR-Hemmer, Hedgehog-Inhibitoren, PI-3-Kinase-Inhibitoren, Histon-Deacetylase-Inhibitoren, CDK6/4-Inhibitoren)Bortezomib (2004)
Carfilzomib (2015)
Temsirolimus (2007)
Everolimus (2004)
Vismodegib (2013)
Idelalisib (2014)
Panobinostat (2015)
Olaparib (2015)
Palbociclib (2016)
Antikörper-Wirkstoff-Konjugate bringen Zytostatika gezielt an ihren Wirkort.Brentuximab-Vedotin (2012)
Trastuzumab-Emtansin (2014)
Immunonkologika aktivieren onkologisch relevante Prozesse der körpereigenen Immunabwehr und hemmen dadurch Krebswachstum.Ipilimumab (2011)
Nivolumab (2015)
Pembrolizumab (2015)
Talimogen Iaherparepvec (2016)
Komplementäre Therapie bei KrebserkrankungenPflanzliche Zytostatika Mistelkraut
* Genannt sind alle Wirkstoffe, die zwischen 2012 und 2016 mindestens in einem Jahr verfügbar waren. ** Bei Einführung vor 1978 kann das Jahr der tatsächlichen Einführung in Deutschland abweichen, da es dazu ggf. keine einheitlichen Angaben gibt. Quelle: IGES, eigene Recherchen

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Teil-Indikationsgruppen bei Krebsmedikamenten

In der Indikationsgruppe der antineoplastischen Mittel werden zwei Teil-Indikationsgruppen unterschieden. Von Bedeutung ist vor allem die Gruppe der chemisch definierten Mittel gegen Krebs mit zahlreichen Therapieansätzen, die in der Tabelle dargestellt sind.

Therapieansätze bei Krebsmedikamenten

Den mittlerweile größten Therapieansatz mit den meisten Wirkstoffen stellt die Gruppe der Proteinkinase-Inhibitoren dar. Diese Gruppe wurde 2001 mit der Einführung von Imatinib begründet. Imatinib hemmt sehr spezifisch eine bestimmte Proteinkinase, die nur bei wenigen Krebsarten relevant ist. Proteinkinasen spielen eine wichtige Rolle bei den Wachstumsprozessen in Krebszellen. Es stehen mittlerweile Proteinkinase-Inhibitoren zur Verfügung zum Einsatz u. a. bei Leukämien, Lymphomen, Brust-, Darm-, Leber-, Lungen-, Nieren-, Schilddrüsen- und schwarzem Hautkrebs sowie Myelofibrose.

Proteinkinase-Inhibitoren werden als zielgerichtete Therapien eingesetzt. Darunter sind Wirkprinzipien zu verstehen, die sich gezielt gegen Strukturen, Enzyme oder Prozesse richten, die ausschließlich oder überwiegend in Krebszellen nachweisbar und für Wachstum, Vermehrung und Ausbreitung der Krebszellen relevant sind.

Für zielgerichtete Therapien kommen neben den Proteinkinase-Inhibitoren verschiedene Antikörper zum Einsatz. Monoklonale Antikörper sind gegen ganz bestimmte Strukturen auf der Oberfläche von Tumorzellen gerichtet und wirken sehr spezifisch. Die Angriffspunkte können sehr unterschiedlich sein. Mithilfe von Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten lassen sich Zytostatika gezielt zu Strukturen transportieren, die sich überwiegend auf Krebszellen finden.

Als weitere Wirkprinzipien zielgerichteter Therapien ist die Proteasom-Hemmung durch das 2004 eingeführte Bortezomib zu nennen oder die mTOR-Inhibitoren („mammalian target of rapamycin“-Inhibitoren), zu denen das Temsirolimus gehört. Das 2013 eingeführte Vismodegib ist ein Hemmstoff des sogenannten Hedgehog-Signalwegs, und 2015 kam mit Idelalisib ein PI3-Kinase-Inhibitor auf den Markt. 2015 wurde die Auswahl der Wirkprinzipien um den ersten Histon-Decarboxylase-Inhibitor Panobinostat erweitert. Der Wirkstoff Olaparib (2015) hemmt das Enzym PARP, das an der DNA-Reparatur beteiligt ist. Olaparib wirkt bei Krebsarten, die aufgrund von angeborenen Mutationen (BRCA1, BRCA2) entstehen. Mit Palbociclib wurde 2016 die neue Wirkstoffklasse der CDK4/6-Inhibitoren eingeführt. Sie hemmen bei bestimmten Tumorzellen (z. B. hormonempfindliche Brustkrebszellen) den Übergang in die Zellteilungsphase, die durch die zellulären Proteine CDK4 bzw. CDK6 aktiviert wird.

Auch Immunonkologika können den zielgerichteten Therapien zugeordnet werden. Die Bedeutung des Immunsystems auch bei der Kontrolle des Wachstums von Krebszellen ist bekannt. Seit Langem wird und wurde daher z. B. Interferon alpha bei malignem Melanom angewendet, das allerdings vergleichsweise unspezifisch auf das Immunsystem wirkt. Tumorzellen können die gegen Krebszellen gerichtete körpereigene Immunabwehr ausschalten. Sie greifen dabei häufig an sogenannten „Immuncheckpoints“ an, die physiologischerweise dazu dienen, eine überschießende Immunreaktion zu verhindern. Neue Immunonkologika wie das Ipilimumab heben diese tumorbedingte Hemmung des Immunsystems auf und ermöglichen dem Immunsystem so (wieder) einen Zugriff auf die Krebszellen. Bei Talimogen Iaherparepvec (T-Vec) handelt es sich um ein gentechnisch verändertes Herpesvirus, das sich nur in Tumorzellen vermehrt. Die Virusvermehrung führt einerseits zur Zerstörung der Tumorzellen. Darüber hinaus trägt das Virus das Gen für GMCSF (Granulozyten-Monozyten-Kolonie-stimulierender Faktor). GM-CSF führt zu einer gegen die Tumorzellen gerichteten Immunantwort.