Andere Mittel aus dem Bereich Ernährung und Stoffwechsel A 16 Andere Mittel für das alimentäre System und den Stoffwechsel

Veröffentlicht am: 10.09.17

Die Indikationsgruppe der anderen Mittel für das alimentäre System und den Stoffwechsel ist sehr inhomogen. Zu ihr gehören Arzneimittel, die überwiegend bei seltenen Stoffwechselstörungen eingesetzt werden. Ursache dieser Erkrankungen sind oft angeborene Störungen, die dazu führen, dass bestimmte Enzyme in den Zellen entweder nicht oder fehlerhaft gebildet werden. Dadurch werden Stoffwechselwege gestört und es können sich giftige Stoffwechselprodukte in Körperzellen ansammeln und so zu Krankheitserscheinungen an den verschiedensten Organen führen.

Die Gruppe ist als relativ jung anzusehen, da nur ein kleiner Teil der zu ihr gehörenden Wirkstoffe vor dem Jahr 2000 eingeführt wurde.

Pharmakotherapeutische Übersicht zu den anderen Mitteln für das alimentäre System und den Stoffwechsel*
Teil-IndikationsgruppeTherapieansatzWirkstoff (Einführung**)
CarnitinmangelLevocarnitin wird zur Substitution gegeben. Levocarnitin
Nephropathische CystinoseDurch Bindung von Cystin wird dessen Ausscheidung erhöht.Mercaptamin (1998)
NAGS-MangelEnzymaktivierung verbessert die Entgiftung von Ammoniak.Carglumsäure (2004)
Andere StoffwechselkrankheitenAminosäurenBetain (2007)
Morbus Gaucher (Typ 1)Enzyme zur Substitution gleichen den Mangel an Beta-Glucocerebrosidase-Aktivität aus.Imiglucerase (1998)
Velaglucerase alfa (2010)
Enzymhemmer bewirken, dass bestimmte Stoffwechselprodukte in geringerem Ausmaß gebildet werden.Miglustat (2003)
Eliglustat (2015)
Morbus FabryEnzyme zur Substitution gleichen den Mangel an Alpha-Galactosidase A aus.Agalsidase alfa (2001)
Agalsidase beta (2001)
Enzymstabilisierer verbessern die Aktivität der Alpha-Galactosidase A durch Konformationsänderung.Migalastat (2016)
Mukopolysaccharidose Typ 1Enzyme zur Substitution gleichen den Mangel an Alpha-L-Iduronidase aus.Laronidase (2003)
OTC (Ornithin-Transcarbamylase)-MangelStickstoffträger fördern die Ausscheidung von überschüssigem Stickstoff.Natriumphenylbutyrat (2000)
Tyrosinämie Typ 1Enzymhemmer vermindern die Bildung toxischer Stoffwechselprodukte.Nitisinon (2005)
Morbus WilsonZink wirkt als Resorptionshemmer für Kupfer.Zinkacetat (1960er)
Mukopolysaccharidose Typ 6Enzyme zur Substitution gleichen den Mangel an N-Acetylgalactosamin-4-Sulfatsulfatase aus.Galsulfase (2006)
Morbus PompeEnzyme zur Substitution gleichen den Mangel an Alpha-Glucosidase aus.Alglucosidase alfa (2006)
Mukopolysaccharidose Typ 2Enzyme gleichen den Mangel an Iduronat-2-Sulfatase aus.Idursulfase (2007)
HomocystinurieAminosäurenKombinationen anderer Aminosäuren
PhenylketonurieEnzymstabilisierer/-aktivierer verbessern Aktivität der Phenylalaninhydroxylase. Sapropterin (2009)
SchwermetallvergiftungAminosäurenTiopronin (1970)
Mukopolysaccharidose Typ 4aEnzyme zur Substitution gleichen den Mangel an N-Acetylgalactosamin-6-Sulfatase aus.Elosulfase alfa (2014)
KurzdarmsyndromGLP-2-Agonisten wirken wie Glucagon-like Peptid 2 und verbessern die Funktion der Darmschleimhaut.Teduglutid (2014)
HypophosphatasieEnzyme zur Substitution gleichen die Störungen an der gewebeunspezifischen alkalischen Phosphatase aus.Asfotase alfa (2015)
LAL-MangelEnzyme gleichen den Mangel an LAL (lysosomaler saurer Lipase) aus.Sebelipase alfa (2015)
* Genannt sind alle Wirkstoffe, die zwischen 2012 und 2016 mindestens in einem Jahr verfügbar waren. ** Bei Einführung vor 1978 kann das Jahr der tatsächlichen Einführung in Deutschland abweichen, da es dazu ggf. keine einheitlichen Angaben gibt. Quelle: IGES, eigene Recherchen

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Teil-Indikationsgruppen bei Mitteln aus dem Bereich Ernährung und Stoffwechsel

Von den verschiedenen Teil-Indikationsgruppen sollen an dieser Stelle diejenigen vorgestellt werden, die in Bezug auf Verbrauch und Ausgaben die größte Bedeutung haben.

Ein Carnitinmangel kann verschiedene Ursachen haben: In seltenen Fällen wird zu wenig Carnitin im Körper gebildet; hier spricht man von primärem Carnitinmangel. Ein sekundärer Carnitinmangel ist Folge verschiedener Grunderkrankungen und kann z.B. bei Dialysepatienten auftreten.

Bei Patienten mit Morbus Fabry liegt ein angeborener Mangel des Enzyms Alpha-Galactosidase A vor. Bestimmte Bestandteile der Zellmembran, die Glykosphingolipide, werden dadurch vermindert abgebaut und lagern sich in den Geweben ab. Es kann zu Störungen der unterschiedlichsten Organe kommen, wie z.B. Hornhauttrübung, Störungen am Herzen, Einschränkung der Nierenfunktion oder Störungen des Nervensystems.

Auch bei Morbus Gaucher führt ein Gendefekt zu mangelnder Enzymaktivität, in diesem Fall der Beta-Glucocerebrosidase. Dadurch reichern sich Glucocerebroside in bestimmten Blutzellen an. Als Folgeerscheinung treten u.a. Entzündungsreaktionen, Schwellungen an verschiedenen Organen und bösartige Tumoren auf.

Ursache des Morbus Pompe ist ein angeborener Defekt des Enzyms Alpha-Glucosidase, das am Abbau des Glykogens in der Muskulatur beteiligt ist. Morbus Pompe gehört daher zu den Glykogenspeicherkrankheiten. Typisches Symptom der Erkrankung ist eine Muskelschwäche, die häufig auch das Zwerchfell betrifft und so die Atmung erschwert.

Therapieansätze bei Mitteln aus dem Bereich Ernährung und Stoffwechsel

Obwohl die Indikationsgruppe Arzneimittel zur Behandlung sehr unterschiedlicher Erkrankungen umfasst, sind einige Therapieprinzipien typisch.

Das häufigste Therapieprinzip ist die Enzymsubstitution. Dabei erhalten die Patienten regelmäßig Infusionen eines biotechnologisch hergestellten Enzyms, durch das die fehlende oder fehlerhafte Enzymaktivität ausgeglichen werden kann. Diese Substitution muss lebenslang erfolgen. Beispiele für dieses Therapieprinzip sind die Gabe von Agalsidase alfa oder beta, die bei Morbus Fabry den Mangel an Alpha-Galactosidase A ausgleichen, von Imiglucerase und Velaglucerase alfa bei Morbus Gaucher, Aglukosidase alfa bei Morbus Pompe oder von Idursulfase bei Mukopolysaccharidose Typ 2.

Das Therapieprinzip einer Enzymstabilisierung kann angewendet werden, wenn eine angeborene Stoffwechselerkrankung durch eine Störung der Enzymfunktion verursacht ist und nicht durch einen absoluten Enzymmangel. Ein Beispiel dafür ist das Migalastat, das bei Morbus Fabry eingesetzt werden kann, wenn bestimmte Mutationen der Alpha-Galactosidase A vorliegen. Migalastat lagert sich an die Alpha-Galactosidase A an und fungiert als „Faltungshelfer“. Das heißt, durch Migalastat wird die Konformation bzw. Faltung des Enzyms so verändert, dass es seine Funktionsfähigkeit teilweise wiedererlangt und Glykosphingolipide wieder abbauen kann. Man bezeichnet dieses Wirkprinzip auch als pharmakologischer Chaperon. Ein weiteres Beispiel ist das bei Phenylketonurie eingesetzte Sapropterin.

Bei vielen angeborenen Stoffwechselerkrankungen werden bestimmte Stoffwechselprodukte nicht abgebaut und führen zu Schäden im Organismus. Durch Enzymhemmung kann erreicht werden, das toxische Stoffwechselprodukte vermindert gebildet werden. Ein Beispiel dafür ist das Nitisinon, dass bei Tyrosinämie Typ 1 zum Einsatz kommt. Bei der Erkrankung ist der Abbau der Aminosäure Tyrosin gestört, der normalerweise in mehreren enzymatischen Schritten erfolgt. Durch Nitisinon wird ein früher Schritt des Tyrosinabbaus gehemmt, so dass die toxischen Abbauprodukte nicht mehr oder vermindert gebildet werden. Weitere Beispiele für Enzymhemmer sind Miglustat und Eliglustat bei Morbus Gaucher.