Andere Mittel für das Nervensystem N07 Andere Mittel für das Nervensystem

Veröffentlicht am: 10.09.17

Die Indikationsgruppe der anderen Mittel für das Nervensystem ist eine Sammelgruppe, und entsprechend heterogen sind die hier zusammengefassten Arzneimittel.

In den letzten Jahren ist die Indikationsgruppe in den Fokus geraten, weil neu eingeführte Arzneimittel in dieser Gruppe eingeordnet wurden. In Bezug auf die Ausgaben ist hier das bei der Multiplen Sklerose eingesetzte Dimethylfumarat von größter Bedeutung.

Pharmakotherapeutische Übersicht zu den anderen Mitteln für das Nervensystem*
Teil-IndikationsgruppeTherapieansatzWirkstoff (Einführung**)
ParasympathomimetikaParasympathomimetika haben ähnliche Wirkungen wie der Botenstoff AcetylcholinNeostigmin
Pyridostigmin (1954)
Distigmin (1970er)
Bethanechol
Pilocarpin
Mittel bei NikotinabhängigkeitMittel zur Behandlung der NikotinabhängigkeitNicotin
Buproprion (2007)
Vareniclin (2007)
Mittel bei AlkoholabhängigkeitMittel zur Behandlung der AlkoholabhängigkeitDisulfiram (1948)
Acamprosat (1996)
Nalmefen (2014)
Clonidin (1993)
Mittel bei OpiatabhängigkeitOpioide werden zur Substitution oder Entwöhnung eingesetztNaltrexon (1990)
Buprenorphin (2000)
Methadon (1994)
Levomethadon (1965)
Morphin
Buprenorphin und Naloxon
AntivertiginosaAntivertiginosa sollen Schwindelsymptome lindernBetahistin
Flunarizin
Sulpirid
Cinnarizin und Dimenhydrinat
Andere Mittel für das Nervensystem, chemischAndere Mittel für das Nervensystem, chemisch definiert (Sammelgruppe)Alpha-Liponsäure
Thiamin, Kombinationen
Benfotiamin, Kombinationen
Tetrabenazin (2007)
Mittel bei amyotropher Lateralsklerose (ALS)Natriumkanalblocker sollen bei ALS neuroprotektiv wirkenRiluzol (1996)
KaliumkanalblockerKaliumkanalblocker erhöhen die Ausschüttung von AcetylcholinAmifampridin (2010)
Fampridin (2011)
Familiäre Amyloidpolyneuropathie (TTR-FAP)Transthyretin-Stabilisatoren sollen Amyloidablagerungen verhindernTafamidis (2011)
Multiple SkleroseFumarsäureester haben entzündungshemmende und immunmodulatorische EigenschaftenDimethylfumarat (2014)
Mittel bei NarkolepsieGABA bessert die Kataplexie-SymptomatikNatriumoxybat (2005)
Histamin-H3 inverse Agonisten vermindern durch zentrale Histaminausschüttung die TagesschläfrigkeitPitolisant (2016)
* Genannt sind alle Wirkstoffe, die zwischen 2012 und 2016 mindestens in einem Jahr verfügbar waren. ** Bei Einführung vor 1978 kann das Jahr der tatsächlichen Einführung in Deutschland abweichen, da es dazu ggf. keine einheitlichen Angaben gibt. Quelle: IGES, eigene Recherchen

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Teil-Indikationsgruppen bei andere Mitteln für das Nervensystem

Weil es sich bei der Indikationsgruppe der anderen Mittel für das Nervensystem innerhalb der ATC-Klassifikation um eine Sammelgruppe handelt, müssen die Therapieansätze und Wirkstoffe sehr vielen Teil-Indikationsgruppen zugeordnet werden, die teilweise nur durch einen einzigen Wirkstoff definiert sind.

Innerhalb der Sammelgruppe ist nochmals eine Teil-Indikationsgruppe als Sammelgruppe definiert, zu der ganz unterschiedliche Wirkstoffe gehören.

Zur Teil-Indikationsgruppe der Parasympathomimetika gehören verschiedene Wirkstoffe, die bei unterschiedlichen Erkrankungen und Störungen eingesetzt werden. Zu nennen sind hier einerseits die Myasthenia gravis, andererseits ein Blasenverhalt oder eine Magen-Darm-Atonie, wie sie bspw. postoperativ auftreten können.

Drei Teil-Indikationsgruppen umfassen jeweils Arzneimittel, die bei bestimmten Formen der Abhängigkeit eingesetzt werden, nämlich bei Alkohol-, Nikotin- bzw. Opiatabhängigkeit.

Antivertiginosa werden zur symptomatischen Therapie von Schwindel eingesetzt und zwar vorzugsweise bei Schwindel, der durch Erkrankungen des im Innenohr gelegenen Labyrinthorgans bedingt ist.

Zur Teil-Indikationsgruppe der Kaliumkanalblocker gehören zwei Wirkstoffe, von denen einer beim Lambert-Eaton-Myasthenie-Syndrom, der andere zur symptomatischen Therapie von Gehstörungen bei Multipler Sklerose eingesetzt wird.

Auch die Indikationsgruppe der Mittel bei Narkolepsie umfasst zwei Wirkstoffe.

Die übrigen Teil-Indikationsgruppen werden jeweils durch einen einzigen Wirkstoff definiert und eingesetzt bei amyotropher Lateralsklerose, familiärer Amyloidpolyneuropathie bzw. Multipler Sklerose.

Therapieansätze bei anderen Mitteln für das Nervensystem

Die Teil-Indikationsgruppen sind relativ klein und umfassen daher jeweils nur einen einzigen Therapieansatz.

Zum Therapieansatz der Parasympathomimetika gehören Wirkstoffe, die die Wirkung des Botenstoffs Acetylcholin (ACh) imitieren. Dies wird entweder auf indirektem Weg erreicht, indem der Abbau von ACh gehemmt wird, wie bspw. durch Neostigmin. Bethanechol oder Pilocarpin wirken dagegen direkt, indem sie wie ACh an den ACh-Rezeptor binden und ihn aktivieren.

Mittel zur Behandlung der Nikotinabhängigkeit sollen dabei helfen, das Rauchen aufzugeben. Entweder wird Nikotin zur Substitution gegeben oder zentral wirkende Arzneimittel (Bupropion, Vareniclin), die die durch das Rauchen ausgelöste zentrale Belohnungsreaktion hemmen sollen.

Die im Therapieansatz der Mittel bei Alkoholabhängigkeit zusammengefassten Wirkstoffe haben verschiedene Wirkungen: Clonidin wirkt symptomatisch bei akutem Alkoholentzug. Acamprosat soll Patienten helfen, eine erreichte Alkoholabstinenz aufrechtzuerhalten, während Nalmefen die Alkohol-Trinkmenge reduzieren soll. Disulfiram führt dazu, dass es bei Alkoholgenuss zu unangenehmen toxischen Effekten kommt wie bspw. Übelkeit und Kopfschmerzen. Dadurch soll die Alkoholaufnahme verhindert werden. Im Jahr 2013 ist allerdings die Zulassung für diesen Wirkstoff erloschen.

Die Mittel bei Opiatabhängigkeit werden im Wesentlichen für die Substitution eingesetzt. Das heißt, sie haben eine ähnliche Wirkung wie die missbräuchlich angewandte Droge selbst. Nur Naltrexon wird unterstützend bei der Entwöhnung eingesetzt.

Arzneimittel aus dem Therapieansatz der Antivertiginosa wirken über unterschiedliche Mechanismen symptomatisch bei Schwindel, insbesondere vestibulärem Schwindel.

Zu den Therapieansätzen der Natrium- bzw. Kaliumkanalblocker gehören Arzneimittel, die hemmend auf Natrium- bzw. Kaliumkanäle wirken und dadurch die Reizweiterleitung entlang von Nervenzellen beeinflussen.

Transthyretin-Stabilisatoren stabilisieren Transthyretin (TTR)-Tetramere und hemmen so bei der familiären Amyloidpolyneuropathie vom TTR-Typ die Bildung von Monomeren, aus denen sich Amyloidablagerungen bilden können.

Fumarsäureester wirken über verschiedene Mechanismen entzündungshemmend. Von größter Bedeutung scheint dabei die Aktivierung des Nrf2-Transkriptionswegs zu sein. Dieser führt zur Aktivierung von antioxidativen Enzymen.

Typisches Symptom der Narkolepsie ist eine extreme Tagesschläfrigkeit. Diese kann durch Histamin-H3 inverse Agonisten gebessert werden, in dem im zentralen Nervensystem eine Histaminausschüttung bewirkt wird. Bei Narkolepsie kann es zu kataplektischen Anfällen kommen, d.h., zu einem Tonusverlust der Muskulatur. Der Neurotransmitter Gamma-Aminobuttersäure (GABA) kann diese Symptomatik bessern.