Verbrauch von Mitteln zur Behandlung von Viruserkrankungen J05 Antivirale Mittel zur systemischen Anwendung Antivirale Mittel zur inneren Anwendung verursachten 2019 Ausgaben in Höhe von 956 Mio. Euro. Diese Ausgaben entfielen hauptsächlich auf die Mittel zur Behandlung von HIV/Aids mit einem Anteil von 70 % sowie die Mittel zu Behandlung der Hepatitis C, deren Anteil bei rund 21 % lag.

Veröffentlicht am: 09.11.20

Quelle: IGES-Berechnungen nach NVI (Insight Health), ab 2011 inkl. Zubereitungen: AVR: Arzneiverordnungs-Report
Verbrauch bei antiviralen Mitteln nach Teil-Indikationsgruppen
Teil-IndikationsgruppeVerbrauch in Mio. DDD
20092010201120122013201420152016201720182019
HIV26,428,329,831,332,834,134,235,035,634,733,6
Herpes4,14,24,44,64,85,15,35,65,76,06,3
Hepatitis B1,71,92,12,22,32,62,72,83,23,53,7
Hepatitis C2,11,91,72,61,51,82,81,81,10,70,6
CMV0,30,40,40,40,40,40,40,40,40,50,5
Influenza1,80,10,30,10,40,00,20,10,20,40,2
Virusinfektionen0,030,030,030,030,020,030,030,020,020,010,0
Antivirale Mittel Gesamt36,536,738,741,242,144,145,745,846,245,845,0
Quelle: IGES-Berechnungen nach NVI (INSIGHT Health); ab 2011 inkl. Zubereitungen

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Die antiviralen Mittel zur systemischen Anwendung gehören zu den selten verordneten Arzneimitteln, von denen jedem Versicherten der GKV 2019 im Durchschnitt 0,6 DDD verordnet wurden.

Der Verbrauch von antiviralen Mitteln war 2019 im Vergleich zu 1996 etwa siebenmal höher. Der Wachstumsverlauf seit 1996 zeigt in manchen Jahren auch Stagnation, kann insgesamt jedoch bis 2013 als stetig angesehen werden. In diesem Zeitraum lag das mittlere Wachstum bei 1,8 Mio. DDD jährlich. Ab 2016 stagnierte das Wachstum und der Verbrauch verharrte bei ca. 46 Mio. DDD. 2019 ist der Verbrauch in definierten Tagesdosen um 0,8 Mio. DDD auf 45,0 Mio. DDD zurückgegangen, also um 1,8 %. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die verordnete Wirkstoffmenge abgenommen hat, sondern ist auf den gestiegenen Anteil von Fixkombinationen gegen HIV/Aids zurückzuführen.

Auf die Teil-Indikationsgruppen der Mittel bei HIV/Aids entfielen 2019 rund 75 % des Verbrauchs der Indikationsgruppe insgesamt. Für die Mittel bei HIV/Aids war im hier dargestellten Zeitraum seit 2008 ein sehr stetiges Verbrauchswachstum von 1,3 Mio. DDD jährlich zu beobachten, das jedoch seit 2016 stagniert und 2019 um 1,1 Mio. DDD (3,3 %) zurückging. Das stetige Wachstum erklärt sich durch den Erfolg der Therapie: Durch die antiretrovirale Kombinationstherapie wurde die HIV-Infektion, die ohne Therapie in der Regel zur Ausbildung von Aids mit tödlichem Ausgang führt, zu einer chronischen Erkrankung, die allerdings eine lebenslange Therapie voraussetzt. Dies führte zu einer noch anhaltenden Sockelbildung durch neu hinzukommende Patienten. Im betrachteten Zeitraum ab 2007 war in den letzten drei Jahren der niedrigste jährliche Verbrauchszuwachs zu beobachten. 2017 lag er bei 0,6 Mio. DDD. Die Verbrauchsentwicklung in den letzten Jahren könnte dahingehend interpretiert werden, dass sich ein stabiler Verbrauch im Sinne eines „Steady State“ abzeichnet. Diese Entwicklung täuscht jedoch: Tatsächlich gab es bis 2017 eine ungebrochene und stetige Verbrauchsentwicklung. Erst 2018 war erstmals eine deutliche Verlangsamung zu erkennen. Es wurden zunehmend mehr Fixkombinationen verbraucht. Bei einer Fixkombination ist die übliche Tagesdosis immer als 1 DDD definiert, unabhängig von der Anzahl der enthaltenen Wirkstoffe. Das heißt, eine neuere Fixkombination mit drei Wirkstoffen geht mit 1 DDD in die Verbrauchsbestimmung ein, eine Kombination aus drei Einzelwirkstoffen dagegen mit 3 DDD. Mit den abgegebenen Mengen von HIV-/Aids-Mitteln hätten 2019 rund 60 000 Patienten behandelt werden können, 2018 wären es rund 59 000 Patienten gewesen. Der Anstieg der Zahl behandelbarer Patienten war in den Jahren 2018 und 2019 deutlich geringer als in den Vorjahren.

Alle übrigen Teil-Indikationsgruppen haben sehr viel geringeren Anteil am Verbrauch der antiviralen Mittel insgesamt. 2019 lag dieser bei 14 % für die Mittel gegen Herpesviren sowie bei 8,3 % und 1,4 % für die Mittel zur Behandlung der Hepatitis B bzw. C. Stetige Verbrauchssteigerungen gab es für die Teil-Indikationsgruppen der Mittel gegen Herpesviren, gegen Hepatitis-B-Viren sowie gegen Zytomegalievirus (CMV). Über die Ursachen für den Verbrauchsanstieg bei Mitteln gegen Herpesviren und CMV kann nur spekuliert werden. Möglicherweise ist die Zahl der Patienten mit Behandlungsbedarf gestiegen. Es gibt verschiedene Hinweise, dass dies z. B. für den Herpes zoster („Gürtelrose“) zutreffen könnte, wobei sich dadurch der seit 2007 immerhin um das 1,6-Fache gestiegene Verbrauch nur zum Teil erklären lässt. Einerseits steigt die Inzidenz des Herpes zoster mit zunehmendem Alter (Ultsch et al. 2011), sodass schon aufgrund des stetig steigenden Anteils älterer Menschen in der GKV auch mit einer steigenden Zahl von Zoster-Fällen zu rechnen ist. Außerdem könnte die seit 2004 empfohlene Varizellenimpfung zu einem Anstieg der Zoster-Fälle geführt haben. Zu diesem Schluss kommt eine Modellrechnung von Horn et al. (2016).

Der Verlauf für den Verbrauch der Mittel bei Hepatitis C zeigt sich bis 2011 weitgehend stabil. 2012 stieg der Verbrauch – im Vergleich zur Vergangenheit – stärker an, was auf die Neueinführung der Proteasehemmer Boceprevir und Telaprevir zurückzuführen war. In Erwartung noch effektiverer Wirkstoffe und einer insgesamt verträglicheren Therapie durch weitere Neueinführungen ging der Verbrauch 2013 deutlich zurück. Seit 2014 wurden die erwarteten neuen Wirkstoffe eingeführt und lösten den beobachteten Verbrauchsanstieg aus. Im Jahr 2015 erreichte der Verbrauch von Mitteln bei Hepatitis C mit 2,8 Mio. DDD sein Maximum, doch ging seitdem der Verbrauch jährlich zurück, 2019 mit 15 % jedoch deutlich geringer als in den Vorjahren . Es spricht sehr viel dafür, dass der hohe Verbrauch im Jahr 2015 einen Nachholeffekt anzeigt, da vermutlich in Erwartung der neuen Therapiemöglichkeiten die Behandlung bei vielen Patienten zurückgestellt wurde. Ähnlich wie bei den Mitteln gegen HIV/Aids ist bei den Mitteln zur Anwendung bei Hepatitis C einerseits der Anteil von Fixkombinationen enorm gestiegen. Außerdem hat sich die Behandlungsdauer verkürzt, die nötig ist, um eine Viruselimination zu erreichen. Unter Berücksichtigung dieses Effekts lag die Zahl der Patienten, die mit der abgegebenen Menge hätten behandelt werden können, 2019 geringfügig unter dem Niveau wie vor Einführung der neuen Wirkstoffe (mehr unter Zusatzinformationen).

Literatur

  • Ultsch B, Siedler A, Rieck T et al. Herpes zoster in Germany: quantifying the burden of disease. BMC Infect Dis 2011;11:173
  • Horn J, Karch A, Damm O et al. Current and future effects of varicella and herpes zoster vaccination in Germany - Insights from a mathematical model in a country with universal varicella vaccination. Hum Vaccin Immunother 2016;12(7):1766–1776