Verbrauch von Mitteln zur Behandlung von Viruserkrankungen J05 Antivirale Mittel zur systemischen Anwendung

Veröffentlicht am: 14.12.18

Quelle: IGES-Berechnungen nach AVR (1996 bis 2002) und NVI (Insight Health) ab 2003; AVR: Arzneiverordnungs-Report
Verbrauch bei antiviralen Mitteln nach Teil-Indikationsgruppen.
Teil-IndikationsgruppeVerbrauch in Mio. DDD
20072008200920102011201220132014201520162017
HIV22,824,426,428,329,831,332,834,134,235,035,5
Herpes3,73,94,14,24,44,64,85,15,35,65,7
Hepatitis B0,61,31,71,92,12,22,32,62,72,83,2
Hepatitis C1,82,02,11,91,72,61,51,82,81,81,1
CMV0,30,30,30,40,40,40,40,40,40,40,4
Influenza0,40,31,80,10,30,10,40,00,20,10,2
Virusinfektionen0,030,030,030,030,030,030,020,030,030,00,0
Quelle: IGES-Berechnungen nach NVI (Insight Health); ab 2011 inkl. Zubereitungen

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Die antiviralen Mittel zur systemischen Anwendung gehören zu den selten verordneten Arzneimitteln, von denen jedem Versicherten der GKV 2017 im Durchschnitt 0,6 DDD verordnet wurden.

Der Verbrauch von antiviralen Mitteln war 2017 im Vergleich zu 1996 mehr als siebenmal höher. Der Wachstumsverlauf seit 1996 zeigt in manchen Jahren auch Stagnation, kann insgesamt jedoch als stetig angesehen werden. In diesem Zeitraum lag das mittlere Wachstum bei 1,9 Mio. DDD jährlich. Für das Jahr 2016 ist wieder eine Stagnation festzustellen und der Verbrauch war mit 45,7 Mio. DDD genauso hoch wie im Vorjahr. 2017 stieg der Verbrauch um 0,45 Mio. DDD, die Wachstumsraterate lag bei 1 %.

Auf die Teil-Indikationsgruppen der Mittel bei HIV/Aids entfielen 2017 über knapp 77 % des Verbrauchs der Indikationsgruppe insgesamt. Für die Mittel bei HIV/Aids war im hier dargestellten Zeitraum seit 2006 ein sehr stetiges Verbrauchswachstum von 1,3 Mio. DDD jährlich zu beobachten, das jedoch inzwischen Tendenzen der Abschwächung zeigt. Das stetige Wachstum erklärt sich durch den Erfolg der Therapie: Durch die antiretrovirale Kombinationstherapie wurde die HIV-Infektion, die ohne Therapie in der Regel zur Ausbildung von Aids mit tödlichem Ausgang führt, zu einer chronischen Erkrankung, die allerdings eine lebenslange Therapie voraussetzt. Dies führte zu einer noch anhaltenden Sockelbildung durch neu hinzukommende Patienten. Im betrachteten Zeitraum ab 2007 war in den letzten drei Jahren der niedrigste jährliche Verbrauchszuwachs zu beobachten. 2017 lag er bei 0,6 Mio. DDD. Die Verbrauchsentwicklung in den letzten Jahren könnte dahingehend interpretiert werden, dass sich ein stabiler Verbrauch im Sinne eines „Steady State“ abzeichnet. Diese Entwicklung täuscht jedoch: Tatsächlich gab es in den letzten zehn Jahren eine ungebrochene und stetige Verbrauchsentwicklung ohne Tendenz zur Verlangsamung. Es wurden jedoch zunehmend mehr Fixkombinationen verbraucht. Bei einer Fixkombination ist die übliche Tagesdosis immer als 1 DDD definiert, unabhängig von der Anzahl der enthaltenen Wirkstoffe. Das heißt, eine neuere Fixkombination mit drei Wirkstoffen geht mit 1 DDD in die Verbrauchsbestimmung ein, eine Kombination aus drei Einzelwirkstoffen dagegen mit 3 DDD.

Alle übrigen Teil-Indikationsgruppen haben sehr viel geringeren Anteil am Verbrauch der antiviralen Mittel insgesamt. 2017 lag dieser bei 12,4 % für die Mittel gegen Herpesviren sowie bei 6,8 % und 2,4 % für die Mittel zur Behandlung der Hepatitis B bzw. C. Stetige Verbrauchssteigerungen gab es für die Teil-Indikationsgruppen der Mittel gegen Herpesviren, gegen Hepatitis-B-Viren sowie gegen Zytomegalievirus. Über die Ursachen für den Verbrauchsanstieg bei Mitteln gegen Herpesviren und CMV kann nur spekuliert werden. Möglicherweise ist die Zahl der Patienten mit Behandlungsbedarf gestiegen. Es gibt verschiedene Hinweise, dass dies z. B. für den Herpes zoster („Gürtelrose“) zutreffen könnte, wobei sich dadurch der seit 2007 immerhin um das 1,6-Fache gestiegene Verbrauch nur zum Teil erklären lässt. Einerseits steigt die Inzidenz des Herpes zoster mit zunehmendem Alter (Ultsch et al. 2011), sodass schon aufgrund des stetig steigenden Anteils älterer Menschen in der GKV auch mit einer steigenden Zahl von Zosterfällen zu rechnen ist. Außerdem könnte die seit 2004 empfohlene Varizellenimpfung zu einem Anstieg der Zosterfälle geführt haben. Zu diesem Schluss kommt eine Modellrechnung von Horn et al. (2016).

Der Verlauf für den Verbrauch der Mittel bei Hepatitis C zeigt sich bis 2011 weitgehend stabil. 2012 stieg der Verbrauch – im Vergleich zur Vergangenheit – stärker an, was auf die Neueinführung der Proteasehemmer Boceprevir und Telaprevir zurückzuführen war. In Erwartung noch effektiverer Wirkstoffe und einer insgesamt verträglicheren Therapie durch weitere Neueinführungen ging der Verbrauch 2013 deutlich zurück. Seit 2014 wurden die erwarteten neuen Wirkstoffe eingeführt und lösten den beobachteten Verbrauchsanstieg aus. Im Jahr 2015 erreichte der Verbrauch von Mitteln bei Hepatitis C mit 2,8 Mio. DDD sein Maximum, doch ging 2016 der Verbrauch zunächst auf 1,8 Mio. DDD zurück, und 2017 war nochmals ein Rückgang auf 1,1 Mio. DDD zu beobachten. Es spricht sehr viel dafür, dass der hohe Verbrauch im Jahr 2015 einen Nachholeffekt anzeigt, da vermutlich in Erwartung der neuen Therapiemöglichkeiten die Behandlung bei vielen Patienten zurückgestellt wurde. Ähnlich wie bei den Mitteln gegen HIV/Aids ist bei den Mitteln zur Anwendung bei Hepatitis C der Anteil von Fixkombinationen enorm gestiegen. Dennoch verbleibt unter Berücksichtigung dieses Effekts ein tatsächlicher Verbrauchsrückgang.

Literatur

  • Ultsch B, Siedler A, Rieck T, Reinhold T, Krause G, Wichmann O. Herpes zoster in Germany: quantifying the burden of disease. BMC Infect Dis 2011;11:173
  • Horn J, Karch A, Damm O, Kretzschmar ME, Siedler A, Ultsch B, Weidemann F, Wichmann O, Hengel H, Greiner W, Mikolajczyk RT. Current and future effects of varicella and herpes zoster vaccination in Germany - Insights from a mathematical model in a country with universal varicella vaccination. Hum Vaccin Immunother 2016;12(7):1766–1776