Bedeutung von Krebserkrankungen aus gesellschaftlicher Perspektive

Veröffentlicht am: 20.09.16

Krebserkrankungen verursachten im Jahr 2014 ein Viertel (25,8 %) aller Todesfälle in Deutschland und stellten damit nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen (38,9 %) die zweithäufigste Todesursache dar (Statistisches Bundesamt 2016). Mit 54,4 % aller 223 758 Todesfälle verstarben Männer etwas häufiger infolge einer Krebserkrankung als Frauen. Die häufigste Krebserkrankung mit Todesfolge bei Frauen war 2014 Brustkrebs (17,3 %), gefolgt von Lungenkrebs (15,2 %) und Pankreaskarzinom (8,2 %). Bei Männern hingegen dominierte Lungenkrebs (24,3 %), vor bösartigen Neubildungen der Prostata (11,3 %) und des Dickdarms (7,0 %) (GBE Bund 2016a).

In den letzten 30 Jahren haben sich die Überlebenschancen von Krebspatienten in Deutschland deutlich verbessert (RKI und GEKID 2015). Vor 1980 starben mehr als zwei Drittel aller Krebspatienten an ihrer Krebserkrankung (Krebsinformationsdienst DKFZ 2013). Heute kann fast die Hälfte der Patienten auf eine dauerhafte Heilung hoffen. In den Jahren 2011/2012 haben 5 Jahre nach Diagnosestellung noch 52 % der Männer und 59 % der Frauen gelebt. Die absolute Überlebensrate nach 10 Jahren liegt – über alle Krebsarten hinweg – bei Männern bei ca. 40 % und bei Frauen bei ca. 48 % (RKI und GEKID 2015). Allerdings hängt die Wahrscheinlichkeit zu überleben sehr stark mit der jeweiligen Art und der Lokalisation des Tumors zusammen. So liegt die relative Überlebensrate (also die Überlebensrate im Verhältnis zu der der übrigen Bevölkerung) bei Patienten mit Prostatakrebs oder malignem Melanom nach 10 Jahren bei über 90 %, während sie bei Patienten mit Lungen-, Leber- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs nach 10 Jahren deutlich unter 20 % liegt bzw. beim Bauchspeicheldrüsenkrebs noch nicht einmal 10 % erreicht (RKI und GEKID 2015).

Die verbesserten Überlebenswahrscheinlichkeiten von Krebspatienten spiegeln sich auch in der seit Anfang der 1990er-Jahre sinkenden standardisierten Mortalitätsrate wider (siehe Abb. 3). Während die standardisierte Sterberate zu Beginn der betrachteten Zeitreihe im Jahr 1955 bei 3,1 Todesfällen je 1000 Einwohner lag, stieg sie bis 1965 auf 3,8 Todesfälle je 1000 Einwohner an. In den Folgejahren bis zur Wiedervereinigung war die Sterberate relativ stabil und lag auf einem Niveau von 3,6 Todesfällen je 1000 Einwohner. In den Jahren 1993–2013 sank die Sterblichkeit dann allerdings um circa 25 % von 3,7 auf 2,7 Todesfälle je 1000 Einwohner. Aufgrund des höheren Anteils älterer Bevölkerungsgruppen in den letzten Jahrzehnten ist die nichtstandardisierte Sterberate allerdings im Zeitraum von 1993 bis 2013 um 4 % angestiegen (GBE Bund 2016b, 2016c, Statistisches Jahrbuch der DDR 1957 ff., Statistisches Bundesamt 1966 ff.).

Quelle: IGES nach Angaben von GBE Bund 2016b und 2016c; Statistischem Jahrbuch der DDR 1957 ff. und Statistischem Bundesamt 1966 ff. Die Standardisierung erfolgte auf Basis der fortgeschriebenen Bevölkerungssta-tistik für das Jahr 2013 (Statistisches Bundesamt).

Bezogen auf die verschiedenen Krebslokalisationen war der Beitrag zum Rückgang der Sterblichkeit sehr unterschiedlich. So ist die altersstandardisierte Sterberate in dem Zeitraum 1990–2013 von Magen-, Dickdarm-, Lungen- und Prostatakrebs um jeweils 0,2, 0,15, 0,1 und 0,08 gesunken (siehe untere Abb.). Dies entspricht relativen Rückgängen von 63 %, 42 %, 16 % und 33 %. Die standardisierten Sterberaten von malignem Melanom sowie von Speiseröhren-, Leber- und Pankreaskrebs sind dagegen angestiegen. Dabei verzeichnet das Pankreaskarzinom mit 0,03 den größten Anstieg.

Krebsarten, die zwischen 1990 und 2013 am stärksten zum Rückgang der Krebsmortalität beitrugen.
Quelle: IGES nach Angaben von GBE Bund 2016b und 2016c und Statistischem Bundesamt

Für das verbesserte Überleben von Krebspatienten sind im Wesentlichen drei Ursachen zu nennen: Fortschritte in der Therapie, bessere Früherkennung und erfolgreiche Prävention (Espey et al. 2007). Darüber hinaus kam es zu einer Verschiebung im Spektrum der Tumorlokalisationen bei den Männern. Demnach hat die Anzahl der Darm- und Prostatafälle mit günstiger Prognose zugenommen, während Magenkrebs- und Lungenkrebsfälle mit deutlich schlechterer Prognose zurückgegangen sind (RKI und GEKID 2015).

Im Jahr 2012 sind in Deutschland 478 000 Personen neu an Krebs erkrankt, davon 252 100 Männer und 225 900 Frauen (RKI und GEKID 2015). Dabei entfällt etwa mehr als die Hälfte der Neuerkrankungen (Inzidenz) auf Brustkrebs (70 200 Fälle), Prostatakrebs (63 700 Fälle), Darmkrebs (62 200 Fälle) und Lungenkrebs (52 520 Fälle). Die Anzahl der Krebsneuerkrankungen steigt mit dem Alter kontinuierlich an. Das mittlere Erkrankungsalter liegt zum Zeitpunkt der Diagnose bei Männern um das 70. Lebensjahr und bei Frauen um das 69. Lebensjahr (RKI und GEKID 2015). Krebserkrankungen treten bei Frauen insgesamt etwas seltener auf als bei Männern. Während nur 43 % der Frauen an Krebs erkranken, sind es bei den Männern 51 % (RKI und GEKID 2015). Bei Frauen unter 55 Jahren sind jedoch die Raten der Krebserkrankungen höher als bei den Männern. Bei den über 65 jährigen Männern ist dagegen die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, knapp doppelt so hoch wie bei den Frauen (RKI und GEKID 2015).

Die Anzahl der Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner ist im Zeitraum zwischen 1999 und 2012 gestiegen: bei Frauen von 463 auf 549 und bei Männern von 493 auf 641 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner (siehe Abb. 5). Dies entspricht einem relativen Anstieg von 19 % bei Frauen und 30 % bei Männern. Die (rohe) Erkrankungsrate stieg dabei insbesondere in den Jahren 1999–2008, danach blieb sie bei Männern stabil bzw. ging bei Frauen leicht zurück (-2 %). Der Anstieg der rohen Erkrankungsrate ist vor allem demografisch begründet, da der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung zugenommen hat. Wird dieser Effekt durch die Altersstandardisierung berücksichtigt, dann beträgt der Anstieg der Neuerkrankungen im Zeitraum 1999–2012 bei Frauen nur noch 7 %, während bei Männern die Inzidenzrate konstant ist. Zudem ist ab 2008 bei beiden Geschlechtern ein leichtes Absinken der altersstandardisierten Inzidenzrate zu beobachten: Bis 2012 ging die Inzidenzrate bei Frauen um 5 %, bei Männern um 7 % zurück.

Quelle: IGES nach Zentrum für Krebsregisterdaten im Robert Koch-Institut 2016.

Die altersstandardisierten Inzidenzraten der häufigsten Krebserkrankungen haben sich im Zeitraum 1999–2012 unterschiedlich entwickelt (siehe Abb. 6). So steigt die Neuerkrankungsrate von Brustkrebs (nur Frauen) und Prostatakrebs zu Beginn der betrachteten Zeitreihe zunächst an und fällt dann ab den Jahren 2007 bzw. 2008. Die Anzahl der Neuerkrankungen sinkt bei Darmkrebs im Zeitraum 1999–2012 von 51 auf 46 Erkrankungsfälle pro 100 000 Einwohner (-10 %) ab. Die Rate bei Lungenkrebs ist über den gesamten Zeitraum aufgrund ausgleichender Effekte zwischen den Geschlechtern relativ stabil. Vor dem Hintergrund eines sich angleichenden Tabakkonsums in der Vergangenheit steigt die Neuerkrankungsrate für Lungenkrebs bei Frauen um 54 %, während sie bei den Männern um 18 % fällt. Ein leichter Anstieg der Inzidenzrate ist beim Pankreaskarzinom (um 12 %) zu beobachten. Den stärksten Anstieg verzeichnet das maligne Melanom mit einer Verdopplung (54 %) der Neuerkrankungsrate.

Quelle: IGES nach Zentrum für Krebsregisterdaten im Robert Koch-Institut 2016

Ausblick

Insgesamt lebten in Deutschland im Jahr 2012 rund 1,6 Millionen Menschen – davon 810 300 Männer und 790 500 Frauen –, bei denen in den letzten 5 Jahren eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde (RKI und GEKID 2015). Dies entspricht einem Anteil von rund 2 % (RKI und GEKID 2010) an der Gesamtbevölkerung. Seit den 1990er-Jahre ist die Krebsprävalenz um ca. 35 % bei den Frauen und ca. 80 % bei den Männern angestiegen (RKI und GEKID 2010). Angesichts des weiterhin wachsenden Anteils der älteren Bevölkerung und der damit verbundenen Zunahme der Neuerkrankungen von Krebsfällen wird zukünftig ein Anstieg der Prävalenz um mindestens 20 % bis zum Jahr 2030 prognostiziert (RKI und GEKID 2015). Damit ist zu erwarten, dass die Anzahl der zu behandelnden Erkrankungsfälle in den nächsten Jahren kontinuierlich steigen wird. Wie bereits erwähnt, hat sich die Sterblichkeit der meisten Krebserkrankungen aufgrund von innovativen Therapien, verbesserten Früherkennungs- und Präventionsmaßnahmen in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich verbessert und die Überlebenschancen der Patienten sind gestiegen.

Literatur

  • Espey DK, Wu X-C, Swan J, Wiggins C, Jim MA, Ward E, Wingo PA, Howe HL, Ries LA, Miller BA, Jemal A, Ahmed F, Cobb N, Kaur JS, Edwards BK.
  • Annual report to the nation on the status of cancer, 1975–2004, featuring cancer in American Indians and Alaska Natives. Cancer 2007;110(10):2119–2152
  • Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE Bund) Sterbefälle für die 10/20/50/100 häufigsten Todesursachen absolut und je 100 000 Einwohner (ab 1998). 2016a, http://www.gbe-bund.de (Quelle: Statistisches Bundesamt, Zweigstelle Bonn (Hrsg.) Todesursachstatistik) (02.06.2016)
  • Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE Bund). Sterbefälle Sterbeziffern je 100 000 Einwohner (altersstandardisiert) (1980–1997). 2016b, http://www.gbe-bund.de (Quelle: Statistisches Bundesamt, Zweigstelle Bonn (Hrsg.) Todesursachstatistik) (02.02.2016)
  • Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE Bund). Sterbefälle, Sterbeziffern (je 100 000 Einwohner, altersstandardisiert) (ab 1998). 2016c, http://www.gbe-bund.de (Quelle: Statistisches Bundesamt, Zweigstelle Bonn (Hrsg.) Todesursachstatistik) (02.02.2016)
  • Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) (Hrsg.). 2013, https://www.krebsinformationsdienst.de/grundlagen/krebsstatistiken.php (02.06.2016)
  • RKI (Hrsg.) und GEKID (Hrsg.) Verbreitung von Krebserkrankungen in Deutschland. Entwicklung der Prävalenzen zwischen 1990 und 2010. Berlin 2010
  • RKI (Hrsg.) und GEKID (Hrsg.) Krebs in Deutschland 2011/12. 10. Aufl., Berlin 2015
  • Statistisches Bundesamt Wiesbaden (Hrsg.). Bevölkerung und Kultur, Reihe 7, Sterbefälle nach Todesursachen. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer GmbH 1966 ff.
  • Statistisches Bundesamt Wiesbaden (Hrsg.). Bevölkerung insgesamt. 2013
  • Statistisches Bundesamt Wiesbaden (Hrsg.). Gesundheit: Todesursachen in Deutschland 2014, Fachserie 12 Reihe 4. 2016
  • Staatliche Zentralverwaltung für Statistik (Hrsg.). Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin: VEB Deutscher Zentralverlag 1957 ff., https://www.digizeitschriften.de/dms/toc/?PID=PPN514402644 (02.06.2016)
  • Zentrum für Krebsregisterdaten im Robert Koch-Institut. www.krebsdaten.de/abfrage (05.07.2016)